{"id":2620,"date":"2015-08-25T17:11:23","date_gmt":"2015-08-25T17:11:23","guid":{"rendered":"http:\/\/ankedomscheitberg.de\/?p=2620"},"modified":"2015-08-25T17:11:23","modified_gmt":"2015-08-25T17:11:23","slug":"auch-ich-bin-eine-fluchtlingstochter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/?p=2620","title":{"rendered":"Auch ich bin eine Fl\u00fcchtlingstochter"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/ankedomscheitberg.de\/?attachment_id=2647\" rel=\"attachment wp-att-2647\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-2647\" alt=\"\" src=\"http:\/\/ankedomscheitberg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/BFF_1508_ButtonSW3-300x300.png\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/BFF_1508_ButtonSW3-300x300.png 300w, https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/BFF_1508_ButtonSW3-300x300-150x150.png 150w, https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/BFF_1508_ButtonSW3-300x300-100x100.png 100w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Die Initiative #bloggerfuerfluechtlinge hat Blogger*innen dazu aufgerufen, in der Fl\u00fcchtlingsfrage Stellung zu beziehen, um Deutschland nicht den Rassisten und Menschenfeinden zu \u00fcberlassen. Sie rief auch dazu auf, f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsprojekte zu spenden &#8211; mehr als 15.000 \u20ac sind schon zusammengekommen. Ich schlie\u00dfe mich diesem Aufruf gern an, habe schon gespendet und w\u00fcrde mich freuen, wenn noch viele mitmachen und damit ein Zeichen f\u00fcr Menschlichkeit setzen.<br \/>\n<strong>Spenden geht einfach \u00fcber Betterplace<\/strong>: <a title=\"betterplace - bloggerfuerfluechtlinge\" href=\"https:\/\/www.betterplace.org\/de\/fundraising-events\/bloggerfuerfluechtlingei\" target=\"_blank\">https:\/\/www.betterplace.org\/de\/fundraising-events\/bloggerfuerfluechtlingei<\/a><br \/>\nViele Blogger haben in den letzten Tagen und Wochen \u00fcber ihre eigene Fl\u00fcchtlingsherkunft geschrieben (z.B. <a title=\"Bea Beste - bloggerfuerfluechtlinge\" href=\"http:\/\/www.tollabea.de\/auch-ich-bin-ein-fluechtling\/\" target=\"_blank\">hier <\/a>und <a title=\"lernen sie meine oma kennen - bloggerfuerfluechtlinge\" href=\"https:\/\/kurzhaarschnitt.wordpress.com\/2015\/08\/06\/jetzt-lernen-sie-meine-oma-kennen-und-meine-meinung\/\" target=\"_blank\">hier<\/a> und <a title=\"Knuewer - bloggerfuerfluechtlinge\" href=\"http:\/\/www.indiskretionehrensache.de\/2015\/08\/bloggen-fuer-fluechtlinge\/\" target=\"_blank\">hier<\/a>). Sie machen damit deutlich, welchen Beitrag Menschen mit Migrationshintergr\u00fcnden leisten &#8211; oft ohne, dass ihr Hintergrund bekannt ist. Viele Menschen, die sich Gedanken machen, ob mehr Fl\u00fcchtlinge ein Problem f\u00fcr unsere Gesellschaft darstellen, haben vielleicht nicht nur keine Ahnung von den tats\u00e4chlichen Fakten (Menschen mit Migrationshintergrund zahlen z.B. mehr in unsere Sozialsysteme ein als sie daraus erhalten) sondern schlicht auch keine Vorstellung davon, wie viel Kreativit\u00e4t und Potenzial diese Menschen mitbringen und wie bereichernd das f\u00fcr unser Land ist.<br \/>\n<strong>Deshalb hier auch meine Geschichte, die die Geschichte meiner Eltern ist, denn auch ich bin eine Fl\u00fcchtlingstochter.<\/strong><br \/>\nDie Vorfahren meiner Mutter verlie\u00dfen zwischen 1815 und 1820 Baden W\u00fcrttemberg und Sachsen, da Zarin Katharina Einwanderern aus Deutschland Land und ein besseres Leben versprach. Gerade unter den Bauern gab es damals sehr viel Armut. Also machten sich meine Vorfahren auf den langen und beschwerlichen Weg nach Russland, an das Schwarze Meer, wo sie in der Gegend von Kishinjow die Region <a title=\"WP - Bessarabien\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bessarabien\" target=\"_blank\">Bessarabien<\/a> besiedelten &#8211; zusammen mit vielen anderen Deutschen, die man heute Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge nennen w\u00fcrde, denn verfolgt wurden sie in der Heimat nicht. Sie wollten einfach ein besseres Leben f\u00fcr sich und ihre Familien. Aber so einfach war es dann doch nicht. Allein der Weg dorthin dauerte aufgrund schwieriger Umst\u00e4nde f\u00fcr einige der Auswanderer mehrere Jahre und kostete viele Menschenleben. Vor Ort war auch alles schwerer als erwartet. Die erste Generation deutscher Einwanderer wurde nicht alt, mein ausgewanderter Ur-Ur-Gro\u00dfvater Gottlob Weise starb mit 42, seine Frau Anna Gross im Alter von 43 Jahren.<br \/>\nSie \u00fcberstanden Mi\u00dfernten, \u00dcberschwemmungen, Erdbeben und immer wieder auch einen Wechsel der staatlichen Zugeh\u00f6rigkeit (Bessarabien war mal russisch, mal unabh\u00e4ngig, mal rum\u00e4nisch, dann wieder russisch. Heute geh\u00f6rt ein Teil zur Ukraine, ein anderer zu Moldawien). Man lebte daher vielsprachig, baute kleine St\u00e4dte und Gemeinden auf und trieb Handel weit \u00fcber die Grenzen Bessarabiens hinaus.<br \/>\n<div id=\"attachment_2629\" style=\"width: 584px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/ankedomscheitberg.de\/?attachment_id=2629\" rel=\"attachment wp-att-2629\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2629\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-2629  \" alt=\"Meine Mutter als Baby, 1935, in Bessarabien mit ihren Eltern und dem \u00e4lteren Bruder Kuno\" src=\"http:\/\/ankedomscheitberg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Meuder-Baby-Bessarabien.jpg\" width=\"574\" height=\"410\" srcset=\"https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Meuder-Baby-Bessarabien.jpg 1024w, https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Meuder-Baby-Bessarabien-300x214.jpg 300w, https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Meuder-Baby-Bessarabien-768x549.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 574px) 100vw, 574px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2629\" class=\"wp-caption-text\">Meine Mutter als Baby, 1935, in Bessarabien mit ihren Eltern und dem \u00e4lteren Bruder Kuno<\/p><\/div><br \/>\nDort, in der kleinen Stadt <a title=\"WP - Tarutino\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tarutyne\" target=\"_blank\">Tarutino<\/a>, Kreis Akkerman, wurde meine Mutter 1935 geboren. Sie hat mir sehr oft von Bessarabien erz\u00e4hlt, obwohl sie schon als 5-j\u00e4hrige ihre Heimat verlassen mu\u00dfte. Der 2. Weltkrieg tobte seit Jahren. Dem Hitler-Stalin-Pakt folgend, wurde Bessarabien von seinen deutschen Siedlern ger\u00e4umt, alle H\u00e4user, Weinberge, Tiere, Schulen, Fabriken und Scheunen zur\u00fcckgelassen. Meine Mutter floh mit zwei Br\u00fcdern und meinen Gro\u00dfeltern &#8222;heim ins Reich&#8220;, und landete nach zweij\u00e4hriger Odysee \u00fcber Auffanglager im Clausthal-Cellerfeld (Harz) und Hagenb\u00fcchach (Bayern) 1940 in Bromberg, dem heutigen Bydgoszcz, in Polen.\u00a0\u00a0 <cite><\/cite><br \/>\nDer Familie wurde als Wohnort ein Gutshaus zugewiesen, aus dem vorher Polen vertrieben worden waren. Als selbst Vertriebene fanden sie das schlimm, denn sie konnten deren Leid sehr gut nachvollziehen. Eine Wahl hatten sie jedoch nicht, denn eine andere Wohnalternative gab es f\u00fcr sie nicht. Aber der Krieg kam bekanntlich auch dorthin, so hie\u00df es im bitterkalten Januar 1945, kurz nach ihrem 10. Geburtstag, wieder nur das Allern\u00f6tigste einpacken und als erneut Vertriebene eine dritte Heimat weiter westlich zu suchen. So kam meine Mutter erst nach Mecklenburg-Vorpommern, nach Friedrichshof bei B\u00fctzow, und ihre Familie sp\u00e4ter &#8211; noch vor dem Mauerbau &#8211; wieder nach Baden-W\u00fcrttemberg, wo sehr viele Verwandte aus Bessarabien Zuflucht in der Gegend ihrer Vorfahren gefunden hatten. Meine Oma und mein Opa sind daher in Stuttgart begraben. Zur Zeit des Mauerbaus studierte meine Mutter in Leipzig, diesem Zufall ist es zu verdanken, dass sie als einziges Mitglied ihrer ausgedehnten Familie in der DDR lebte.<br \/>\n<div id=\"attachment_2628\" style=\"width: 630px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/ankedomscheitberg.de\/?attachment_id=2628\" rel=\"attachment wp-att-2628\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2628\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-2628\" alt=\"Meine Mutter und ihre Familie wenige Jahre nach der Flucht in Friedrichshof, Mecklenburg-Vorpommern \" src=\"http:\/\/ankedomscheitberg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/1947-Friedrichshof-1024x638.jpg\" width=\"620\" height=\"386\" srcset=\"https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/1947-Friedrichshof-1024x638.jpg 1024w, https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/1947-Friedrichshof-300x187.jpg 300w, https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/1947-Friedrichshof-768x479.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2628\" class=\"wp-caption-text\">Meine Mutter und ihre Familie wenige Jahre nach der Flucht in Friedrichshof, Mecklenburg-Vorpommern<\/p><\/div><br \/>\nDort traf sie 1965 meinen Vater, der ebenfalls eine Fl\u00fcchtlingsgeschichte hat. Mein Vater hei\u00dft Wolfgang Domscheit- Domscheit ist ein typisch ostpreussischer Name. Er hat eigentlich litauische Wurzeln und bedeutet &#8222;Sohn des Thomas&#8220;. Vielleicht ist er verwandt mit dem ostpreussischen Maler <a title=\"WP - Franz Domscheit\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pranas_Dom%C5%A1aitis\" target=\"_blank\">Franz Domscheit<\/a>, ein Deutsch-Litauer, der sich auf litauisch Pranas Dom\u0161aitis nannte. Er war ein seinerzeit anerkannter Expressionist, Sch\u00fcler von Lovis Corinth und arbeite mit K\u00fcnstlern wie Emil Nolde zusammen. F\u00fcr die Nazis waren seine Werke &#8222;entartete Kunst&#8220;, er floh aus Nazideutschland nach \u00d6sterreich und von dort nach S\u00fcdafrika, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Vielleicht ist die Namensgleichheit zuf\u00e4llig, wir werden es wohl nie erfahren, denn der Krieg hat alle Dokumente vernichtet.\u00a0 Mein Vater wurde 1934 in <a title=\"WP - K\u00f6nigsberg\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/K%C3%B6nigsberg_%28Preu%C3%9Fen%29\" target=\"_blank\">K\u00f6nigsberg<\/a> als zweites von vier Kindern geboren. Er verbrachte dort 10 Jahre seines Lebens und hat sehr lebhafte Erinnerungen an diese Zeit.<br \/>\n<div id=\"attachment_2634\" style=\"width: 541px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/ankedomscheitberg.de\/?attachment_id=2634\" rel=\"attachment wp-att-2634\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2634\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-2634\" alt=\"\" src=\"http:\/\/ankedomscheitberg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/In-der1.-Klasse.bmp\" width=\"531\" height=\"378\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2634\" class=\"wp-caption-text\">Meiner Vater in der 1. Klasse in K\u00f6nigsberg, Ostpreussen &#8211; mit seiner Schiefertafel<\/p><\/div><br \/>\nDer Vater k\u00e4mpfte irgendwo, die junge Mutter mit vier Kindern wurde im Umland der Stadt, in Abschwangen (Tischino) in Sicherheit gebracht, als sich die Warnungen vor Bombenangriffen mehrten. Von dort sahen sie alle miteinander entsetzt, wie sich ihre Heimatstadt in der Ferne durch massive Bombenangriffe Ende August 1944 in ein Feuermeer verwandelte. Die Front r\u00fcckte au\u00dferdem immer n\u00e4her, die junge Familie mu\u00dfte fliehen &#8211; eine 31 j\u00e4hrige Frau mit Kindern im Alter zwischen 5 und 11 Jahren.<br \/>\n<div id=\"attachment_2633\" style=\"width: 630px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/ankedomscheitberg.de\/?attachment_id=2633\" rel=\"attachment wp-att-2633\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2633\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-2633\" alt=\"Meine Gro\u00dfmutter mit ihren vier kleinen Kindern noch in K\u00f6nigsberg - 1941\" src=\"http:\/\/ankedomscheitberg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Alle-Kinder-1941-708x1024.jpg\" width=\"620\" height=\"896\" srcset=\"https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Alle-Kinder-1941-708x1024.jpg 708w, https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Alle-Kinder-1941-208x300.jpg 208w, https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Alle-Kinder-1941-768x1110.jpg 768w, https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Alle-Kinder-1941.jpg 1347w\" sizes=\"(max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2633\" class=\"wp-caption-text\">Meine Gro\u00dfmutter mit ihren vier kleinen Kindern noch in K\u00f6nigsberg &#8211; 1941<\/p><\/div><br \/>\nMein Vater hat mir viel von der Flucht und den Strapazen erz\u00e4hlt, vom Hunger und von den seltsamen Gerichten, die man zubereitete, weil es nichts anderes gab. Einige davon hat er uns sp\u00e4ter als Kindern mal gekocht, damit wir uns besser vorstellen konnten, wie es f\u00fcr ihn war. Den Mehlpamps (Mehl in hei\u00dfes Wasser aufgekocht) hat er f\u00fcr uns zwar mit Butter und Zucker verfeinert, aber eklig blieb es doch. Auch den Spinat aus Brennesseln fand ich nur m\u00e4\u00dfig lecker. Die Flucht durch Kriegsgebiete war beschwerlich und gef\u00e4hrlich. Es ist eine ungeheure Leistung und wohl auch eine ordentliche Portion Gl\u00fcck, dass alle f\u00fcnf \u00fcberlebten. Sie landeten in der sp\u00e4teren sowjetischen Besatzungszone, als Vertriebene ohne Heimat. Ich wuchs auf mit den Geschichten meiner Eltern \u00fcber Krieg, Flucht und Vertreibung, \u00fcber die Trauer nach der verlorenen Heimat, \u00fcber Hunger, Leid und Elend. Meine Eltern haben beide aus ihrer Geschichte vor allem viel Emphatie f\u00fcr das Leid Dritter gesch\u00f6pft. Beide sind au\u00dferdem ausgepr\u00e4gte Pazifisten. Meine Mama ist im Mai gestorben &#8211; h\u00e4tte sie noch erlebt, was heute Fl\u00fcchtlingen in Deutschland mancherorts an Hass entgegenschl\u00e4gt, sie h\u00e4tte sich furchtbar aufgeregt.<br \/>\nAber meine Eltern haben mir mehr mitgegeben als (zugegeben spannende) Gruselgeschichten und eine ebenfalls ausgepr\u00e4gt pazifistische \u00dcberzeugung. So wuchs ich zwar in Brandenburg auf, aber mit einem Vater, der die besten K\u00f6nigsberger Klopse der Welt kochen konnte und einer Mutter, deren K\u00fcche eine sehr leckere Mischung aus Schwarzmeer- und Schwabenk\u00fcche umfa\u00dfte und wo es mal einen russischen Borschtsch oder Ikra (einen Brei aus ger\u00f6steten Auberginen) gab oder eben Sp\u00e4tzle, Dampfnudeln und Apfelstrudel (da macht meine Schwester den besten, durch ihren d\u00fcnnen,\u00a0 handgezogenen Teig konnte man Zeitung lesen!). An Heiligabend gab es immer den roten Kartoffelsalat, der M\u00f6hren und Rote Beete enthielt und den heute G\u00e4ste auf meinen Parties sehr sch\u00e4tzen.<br \/>\n<div id=\"attachment_2635\" style=\"width: 630px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/ankedomscheitberg.de\/?attachment_id=2635\" rel=\"attachment wp-att-2635\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2635\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-2635\" alt=\"mit meiner Familie 1975 in Brandenburg (ein Bruder ist nicht im Bild, ich bin die kleinste, ganz links)\" src=\"http:\/\/ankedomscheitberg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Mu\u0308ncheberg-1975-die-ganze-Familie-adoman-1024x716.jpg\" width=\"620\" height=\"433\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2635\" class=\"wp-caption-text\">mit meiner Familie 1975 in Brandenburg (ein Bruder ist nicht im Bild, ich bin die kleinste, ganz links)<\/p><\/div><br \/>\nMeine Mutter hat ihre alte Heimat nie wieder gesehen. Mein Vater ist vor wenigen Jahren das erste mal wieder in K\u00f6nigsberg &#8211; heute Kaliningrad gewesen. Viel steht nicht mehr von dem, was K\u00f6nigsberg einmal ausmachte, aber er erkennt noch Vieles und es bleibt die St\u00e4tte seiner Kindheit.<br \/>\nMein Vater wurde erst Stellmacher, besuchte dann in der DDR die Arbeiter und Bauern Fakult\u00e4t, um Abitur zu machen und studierte anschlie\u00dfend Medizin. Er wurde Arzt und praktizierte bis weit \u00fcber sein 70. Lebensjahr hinaus. Meine Mutter war S\u00e4ngerin und Kunsthistorikerin, sie schrieb mehrere B\u00fccher. Beide hatten es schwer in ihrer Kindheit und Jugend. Beide mu\u00dften ihr Land verlassen und tausende Kilometer entfernt ein neues Leben beginnen. Beide haben auch Ablehnung als Fl\u00fcchtlinge aus dem Osten kennengelernt aber auch viel Hilfsbereitschaft. Wenn sie nicht die Chance auf einen Neuanfang gehabt h\u00e4tten, w\u00e4ren sie sich nie begegnet und mich w\u00fcrde es gar nicht geben. F\u00fcr mich war es also im engsten Sinne des Wortes existenziell, dass meine Eltern als Fl\u00fcchtlinge eine Zukunftsperspektive bekamen.<br \/>\nIch kann das alles nicht vergessen, wenn heute wieder Fl\u00fcchtlinge vor Krieg und Terror, vor Hunger und Elend Zuflucht in unserem gro\u00dfen und reichen Land suchen. Ich erinnere mich, wie ich als Kind meinen Vater erschrecken sah, wenn die Sirene einmal heulte oder ein Tiefflieger der NVA pl\u00f6tzlich \u00fcber unser Haus donnerte. Ich konnte die Angst in seinen Augen sehen, die Angst, die er als Kind ausstand, wenn Bomber mit ihrer Todesladung im Anflug waren. Fl\u00fcchtlinge aus Syrien haben den gleichen Terror erlebt, Todesangst ausgestanden und einen gef\u00e4hrlichen Fluchtweg hinter sich. Ich m\u00f6chte, dass sie hier wieder Vertrauen und Sicherheit finden, ihre Angst \u00fcberwinden und f\u00fcr sich und ihre Kinder ein Leben aufbauen k\u00f6nnen, das ihre kulturellen Wurzeln mit den vielf\u00e4ltigen Wurzeln unserer Gesellschaft vereint &#8211; vielleicht ja auch in Form von Kochgewohnheiten, die das Leckerste aus Syrien oder Afghanistan mit unserer K\u00fcche kombinieren.<br \/>\nVielleicht ladet Ihr ja einfach mal ein paar Fl\u00fcchtlinge zu Euch ein und kocht gemeinsam etwas Feines &#8211; jede*r ihr\/sein Lieblingsgericht &#8211; und dann e\u00dft Ihr es gemeinsam auf und erz\u00e4hlt Euch nebenbei Geschichten. Fl\u00fcchtlinge sind nicht einfach nur Zahlen in der Tagesschau, es sind Menschen mit pers\u00f6nlicher Historie, mit Vorlieben und Leidenschaften, mit Interessen und Abneigungen. Gebt Euch die Chance, diese Menschen pers\u00f6nlich und vorurteilsfrei kennenzulernen und ihnen die Chance, eine andere Seite von Deutschland zu erfahren, als die d\u00fcstere und Angst machende, die aktuell die Nachrichten beherrscht. Helft mit, Ihnen den Neuanfang nicht schwerer zu machen, als er ohnehin schon ist. <a title=\"HP Wie kann ich helfen\" href=\"http:\/\/wie-kann-ich-helfen.info\/\" target=\"_blank\">Es gibt so viele Wege, Fl\u00fcchtlingen hier bei uns zu helfen.<\/a> Haltet Augen und Ohren und vor allem Euer Herz offen, dann werdet Ihr einen passenden Weg der Hilfe finden. Und solltet Ihr einfach so gar keine Zeit daf\u00fcr haben &#8211; ganz oben im Text ist ja noch der Link zum Spenden \ud83d\ude42 &#8211; jede noch so kleine Summe hilft und den Link weiter verbreiten, hilft auch.<br \/>\nUnd bitte, stellt Euch jedem entgegen, der mit blindem Rassismus Fl\u00fcchtlinge beleidigt, bedroht, oder angreift. Ich bin \u00fcberzeugt davon, dass sich deshalb so viele Rassisten aus ihren L\u00f6chern trauen und ihre widerlichen Gewaltphantasien in die Tat umsetzen, weil sie glauben, dass sie damit die Meinung der (schweigenden) Mehrheit vertreten. Schweigen wir NIE, wenn wir so etwas miterleben und demonstrieren wir klar und deutlich, dass Rechtsextremismus keinen Platz in Deutschland hat und schon erst recht keinerlei Mehrheitsunterst\u00fctzung. Der sogenannte &#8222;wehrhafte Staat&#8220; besteht ja nicht nur aus Staatsanwaltschaft und Polizei, sondern aus uns allen, die wir Demokratie und Grundrechte nur gemeinsam erfolgreich verteidigen k\u00f6nnen.<br \/>\nEin herzliches Dankesch\u00f6n an alle, die sich auf welche Weise auch immer f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge engagieren und dem dumpfen Hass echte Menschlichkeit entgegensetzen!<br \/>\nAls Bonus (und weil ich sowieso dauernd danach gefragt werde) gibts hier das <strong>Rezept Bessarabischer Roter Kartoffelsalat:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Kartoffeln (sch\u00e4len, kochen, w\u00fcrfeln)<\/li>\n<li>Zwiebeln (sch\u00e4len, w\u00fcrfeln)<\/li>\n<li>Gew\u00fcrzgurken (reichlich!, am besten die echten Spreew\u00e4lder, w\u00fcrfeln, auch 2-3 Essl\u00f6ffel von der Br\u00fche zum Salat geben)<\/li>\n<li>M\u00f6hren (sch\u00e4len, im Ganzen bi\u00dffest kochen, w\u00fcrfeln)<\/li>\n<li>Rote Beete (ich nehme die eingeschwei\u00dfte vorgekochte Variante, Saft in die Salatsch\u00fcssel geben &#8211; f\u00fcr mehr rote Farbe, Beete w\u00fcrfeln)<\/li>\n<li>Mayonnaise (nicht zu viel)<\/li>\n<li>Salz und frisch gemahlener Pfeffer (der Salat fri\u00dft recht viel Salz und v.a. Pfeffer)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Alles mischen, ziehen lassen, abschmecken, fertig. Am n\u00e4chsten Tag schmeckt er noch besser. Mengenangaben kann ich nicht gut machen, ich messe da nie etwas und ich mache ohnehin immer Riesenportionen (z.B. 1 Sack Kartoffeln, 1 Beutel Biom\u00f6hren, 1-2 Pakete Rote Beete, ca. 10 Gew\u00fcrzgurken &#8211; je nach Gr\u00f6\u00dfe, 3 gro\u00dfe Zwiebeln, ein paar E\u00dfl\u00f6ffel Salz-Pfeffer Mischung). Auf das Gramm kommt es nicht an, der Salat schmeckt eh immer lecker.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/ankedomscheitberg.de\/?attachment_id=2645\" rel=\"attachment wp-att-2645\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter  wp-image-2645\" alt=\"\" src=\"http:\/\/ankedomscheitberg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/BFF_1508_HeaderBFF1.jpg\" width=\"542\" height=\"264\" srcset=\"https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/BFF_1508_HeaderBFF1.jpg 848w, https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/BFF_1508_HeaderBFF1-300x146.jpg 300w, https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/BFF_1508_HeaderBFF1-768x374.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 542px) 100vw, 542px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Update<\/strong>: Eine gro\u00dfartige Hilfsidee machen ReBuy, DRK und Hermes m\u00f6glich: Ihr packt ein Paket mit Kinderkleidung, Kinderb\u00fcchern und\/oder Spielzeug, druckt einen kostenfreien Versandaufkleber aus (hier: https:\/\/www.rebuy.de\/s\/drk-spendenaktion), bringt das Paket zum n\u00e4chsten Hermes Paketshop und der liefert das Paket an das DRK, wo die Verteilung an Fl\u00fcchtlinge \u00fcbernommen wird. Einfacher geht helfen wirklich nicht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Initiative #bloggerfuerfluechtlinge hat Blogger*innen dazu aufgerufen, in der Fl\u00fcchtlingsfrage Stellung zu beziehen, um Deutschland nicht den Rassisten und Menschenfeinden zu \u00fcberlassen. Sie rief auch dazu auf, f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsprojekte zu spenden &#8211; mehr als 15.000 \u20ac sind schon zusammengekommen. Ich &hellip; <a href=\"https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/?p=2620\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2,8],"tags":[37,40,96,206],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2620"}],"collection":[{"href":"https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2620"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2620\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2620"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2620"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/publizistin.anke.domscheit-berg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2620"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}