Ab heute im Handel: Mein neues Buch "Ein bisschen gleich ist nicht genug!…"

Medienberichte zur Frauenquote Es ist schon ein besonderes Gefühl, ein Manuskript endlich als Buch im Laden zu sehen. Heute ist es soweit: mein zweites Werk “Ein bisschen gleich ist nicht genug! Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind” (Heyne) ist in der Welt.
Das Timing hätte nicht besser sein können, gestern erst hat der Bundestag einstimmig (!) das Gesetz zur Frauenquote beschlossen und damit Geschichte geschrieben, morgen ist der Internationale Frauentag, vor wenigen Tagen ging Ministerin Manuela Schwesig mit ihrer Transparenzinitiative zur Bekämpfung von geschlechtsbezogenen Gehaltsunterschieden an die Öffentlichkeit. Medien sollten sich ja immer für ein gesellschaftliches Thema von so großer Relevanz interessieren. Aber zum Mediengeschäft gehört, dass anlaßbezogen berichtet wird. Anlässe gibt es derzeit genug – gut für das Buch, das so zu seinem Start eine große Aufmerksamkeit genießt, und gut für die Sache.

Buchcover "Ein bisschen gleich ist nicht genug..." 7. März 2015, Heyne

Buchcover “Ein bisschen gleich ist nicht genug…” 7. März 2015, Heyne


Ich habe zum Buchstart eine Seite mit Hintergrundinformationen freigeschaltet, in der ich viele Links, Zahlen, Daten und Fakten sammele, um Interessierten die Möglichkeit zu geben, Behauptungen an ihrer Datenquelle selbst nachprüfen zu können, eigene Schlussfolgerungen zu ermöglichen und insgesamt eine sachlichere Debatte zu unterstützen, die weniger von Emotionen und mehr von belastbaren Erkenntnissen getrieben ist. Ich freue mich über Empfehlungen hat für passende Links o.ä., die diese Seite weiter vervollständigen können. Einfach per Kommentar oder über die Kontaktseite.
Auf einer weiteren Seite sammele ich die Stimmen zum Buch, so ist schon ein großes Interview bei Neues Deutschland erschienen, wurde mein Buch in der großen Spiegel-Reportage zum Gehaltsunterschied zitiert, und brachte der österreichische Standard eine Buchrezension. Eine ganze Reihe Radiotermine und mehrere im TV habe ich entweder schon hinter mir – oder noch vor mit. Details und Links nach Nachhören/Nachsehen gibts auf der erwähnten Seite. Presseanfragen bitte auch über meine Kontaktseite oder direkt über den Verlag.
Noch ein letzter Hinweis: Am Montag abend, 09.03.2015, 20:30 Uhr, findet in Berlin mein Buchpremierenevent statt. Details dazu gibt es HIER.

 

Buchpremiere "Ein bisschen gleich ist nicht genug…" – 09.März 2015, Berlin

Buchcover "Ein bisschen gleich ist nicht genug..." 7.März 2015, Heyne

Buchcover “Ein bisschen gleich ist nicht genug…”


Endlich ist es soweit! Mein zweites Buch kommt am 7.3.2015 in den Handel und natürlich gibt es auch eine Premierenveranstaltung dazu 🙂

*** Buchpremiere ***

Wann: 09. März 2015, 20:30 Uhr
Wo: Buchhändlerkeller, Carmerstrasse 1, Berlin-Charlottenburg (U-Bahn Reuterplatz, S-Bahn Zoologischer Garten sind nah, Bus gibts auch)
Was: Lesung aus meinem Buch “Ein bisschen gleich ist nicht genug! Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind”
anschließend:
Debatte mit Isabell Welpe, Lehrstuhlleiterin BWL-Strategie und Organisation der TU München (Wikipediaeintrag) und Tatjana Turanskyj, Filmregisseurin, Filmproduzentin, Drehbuchautorin und Schauspielerin sowie Mitgründerin von Pro-Quote Regie (Wikipediaeintrag, Blog). Die Debatte wird moderiert von Ulrike Demmer, stellvertretende Leiterin des FOCUS-Hauptstadtbüros, Henry Nannen Preisträgerin und Co-Autorin beim faz Blog Ich. Heute. 10 vor 8.
Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, Fragen zu stellen, Feedback zu geben und ein signiertes Buch zu erwerben :-). Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenfrei. Der Hashtag für Twitterfreund*innen ist #bisschengleich.

  • Kurzinformationen zum Buch findet Ihr HIER.
  • Die Verlagsankündigung mit Bezugsmöglichkeiten und Leseprobe gibt es HIER.
  • Pünktlich zum Buchstart gibts HIER eine Seite mit jeder Menge Links zu Hintergrundinformationen.
  • Medienreaktionen gibt es HIER.

Ich freue mich auf viele Besucher*innen!
PS: Wer es nicht nach Berlin schafft, aber vielleicht bei der Buchmesse in Leipzig ist, der/die kann mich dort auch hören:
Buchmesse Leipzig, 13.03.2015:

  • 13.30 – 14 Uhr, Literaturforum Halle 3 “buch aktuell”
  • 16.30 – 17 Uhr, LVZ-Arena
  • 21 Uhr, Stadtbibliothek Leipzig

Weitere Termine, wie Lesungen und dergleichen, finden sich wie gewohnt auf meiner Terminübersichts-Seite. Für Anfragen einfach die Kontaktseite nutzen.

Jahresrückblick – für mich selbst

Immer wenn es wieder einmal Dezember wird, frage ich mich, wie ein Jahr denn schon wieder so schnell vergehen konnte und was ich denn so damit angestellt habe. Dieser Jahresrückblick ist daher keine Auswertung dessen, was in der übrigen Welt so passiert ist, sondern mein ganz persönlicher Rückblick auf dieses 2014 und meine Arbeit in dieser Zeit.
Ich habe viel geschrieben, zum Beispiel ein Buch.
Im Januar 2014 kam mein erstes Buch in die Welt: “Mauern einreißen! Weil ich glaube, dass wir die Welt verändern können.” Es erschien bei Heyne, hatte Vorabdrucke in Die ZEIT und der FAZ, wurde in vielen Medien freundlich besprochen (siehe HIER für einen Überblick) und bescherte mir Lesungen in der ganzen Republik, die stets von lebendigen Debatten gefolgt wurden. Meine gelernte Erfahrung: ich kann gut vorlesen und sowohl ich als auch das Publikum haben etwas davon. In dem Buch geht es um diverse einzureißende Mauern, es kommt auch die deutsch-deutsche Mauer darin vor, die ich noch als Studentin in der DDR erlebt habe. Weil durch die Kombination aus Überwachungsskandal (NSA, BND und so weiter) und Mauerfall-Jubiläum das Interesse an den “Alten Zeiten” hoch war, habe ich auch viele originale Unterlagen aus der Wende in der DDR hochgeladen.
Ich habe auch vor einem Vierteljahrhundert schon viel geschrieben – Tagebücher, Resolutionen, Manifeste…
Im Oktober / November 2014 habe ich meine alten Tagebuchnotizen des heißen Herbst 1989 veröffentlicht.  Aufgrund des hohen internationalen Interesses habe ich sie auch ins englische übersetzt. Diese Reihe an Veröffentlichungen hatte 7 Teile, sie sind alle im ersten Beitrag dazu verlinkt – deutsche Fassung HIER und englische Fassung HIER.
Obwohl ich das Buchschreiben als insgesamt anstrengenden Prozess empfunden habe (das Schreiben geht schnell, aber das Kürzen und Überarbeiten ist die Hölle!), habe ich es nicht lassen können und gleich ein zweites Buch  hinterher geschrieben. Das hat mich den ganzen Sommer und Herbst 2014 beschäftigt. Mein zweites Buch heißt “Ein bisschen gleich ist nicht genug. Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind.” und wird Anfang März 2015 ebenfalls bei Heyne erscheinen. Ich glaube, jetzt brauche ich aber doch eine Pause vom Bücher-schreiben.
Man nennt mich jetzt häufiger Publizistin, wohl weil ich öfter mal was schreibe, was man dann veröffentlicht lesen kann, hier einige Artikel, die in 2014 erschienen:

Als unverbesserliche Missionarin ihrer Ideen und Überzeugungen schreibe ich nicht nur, ich rede und debattiere auch viel, im Radio, auf Konferenzen, in Talkshows, hier ein kleiner Überblick über ein paar Termine aus 2014 (Aufzeichnungen finden sich in der Regel auf YouTube):

  • Markus Lanz (09.07.2014) – Thema Überwachung, Freiheit versus Sicherheit, gemeinsam mit meinem Mann Daniel
  • Maybrit Illner (17.07.2014) – Thema Überwachung, NSA, BND, u.a. mit Altmaier und Konstantin v. Notz
  • Maybrit Illner (11.09.2014) – Thema Shareconomy, Internet – u.a. mit Jeremy Rifkin
  • Münchner Runde (04.11.2014) – Thema 25 Jahre Mauerfall
  • Anne Will (05.11.2014) – Thema Bodo Ramelow und Thüringen – ein Linker MP – ist Deutschland schon so weit? (offenbar JA)

Gefühlt habe ich eine zillion Interviews gegeben, zu allen möglichen Themen, hier und da erschienen auch Portraits von mir, hier mal eine Auswahl:

Auch international gab es viel Nachfrage, vor allem rund um das Mauerfalljubiläum, hier ein paar davon:

Das Mauerfall-Jubiläum hat mich emotional sehr aufgewühlt, so viele Erinnerungen kamen hoch (siehe die Tagebücher und Originaldokumente). Gleichzeitig wurde durch das allgemeine und positive Gedenken an den Mauerfall die Widersprüchlichkeit noch krasser zwischen der Glorifizierung von “Fluchthelfern” in der DDR Zeit und der Kriminalisierung von “Schleusern”, die in der Gegenwart Menschen auf der Flucht dabei helfen, die kranken Grenzanlagen rund um Europa (sie kosten Milliarden Euro!) zu überwinden. Ich habe mir dazu etwas von der Seele geschrieben, als mein Mann an einer Aktion des Zentrums für politische Schönheit teilnahm, um die Europäischen Außengrenzen einzureißen.
Ja und dann gab es noch die Piraten… kurz vor dem 04. Januar 2014 ließ ich mich dazu überreden, mich als Kandidatin der Piratenpartei für die Europawahlen anzubieten – auf dem Aufstellungsparteitag am 4.1. in Bochum wurde ich dann auf Platz 3 der Piraten-Europaliste gewählt. Es folgten wilde Wahlkampfmonate. Eigentlich war ich vom Bundestagswahlkampf noch ganz platt, da war ich erst ein paar Monate vorher auf Listenplatz 2 in Brandenburg als Kandidatin angetreten. Ich war außerdem Landesvorsitzende der Piratenpartei in Brandenburg, was auch eine Menge Arbeit bedeutete. Am 23.5.2014 war dann auch nicht nur die Europawahl sondern auch Kommunalwahl in Brandenburg. Der Wahlkampf war aufregend, ausbrennend, gleichzeitig er- und entmutigend. Ich kam überall in Deutschland herum, hatte auch beim Flauschwahlplakat-Guerillastricken an all meinen Wahlkampforten viel Spaß, lernte jede Menge großartiger Pirat*innen kennen aber auch Widerstand, Angriffe, #keinhandschlag Vertreter*innen und anderes, das mich sehr frustrierte. Die Wahlen waren leider nicht sehr erfolgreich, aber immerhin zog mit Julia Reda eine Piratin in das Europaparlament, die dort schon jetzt einen beeindruckenden Job macht. Für sie hat sich jede Minute Wahlkampfstress schon gelohnt.  Dennoch entwickelte sich die Piratenpartei als Ganzes in Deutschland in eine für mich nicht mehr erträgliche Richtung, deshalb bin ich im September 2014 ausgetreten und habe 2,5 Jahre Piratendasein für mich beendet. Meine Gründe habe ich HIER erklärt.
Das war mein Jahr im Schnelldurchlauf. Ich habe ganz sicher viel vergessen, für Bilder reicht die Zeit jetzt auch nicht mehr (vielleicht füge ich sie später ein), denn ich bin auf dem Sprung zum letzten Highlight in diesem Jahr – dem 31. Kongress des Chaos Computer Clubs: #31C3. Auf dem weltgrößten Hackerkongress werden sich dieses Jahr über 8.000 Menschen treffen, über Überwachung, Selbstschutz, 3D Drucker, Copyright, Informationsfreiheit, TTIP und vieles andere diskutieren. Ich freue mich darauf, dort wieder Freunde von überall her zu treffen und dort auch wieder eine Guerillastrickaktion zu machen, zum 4. mal in Folge (HIER kann man ein paar Bilder vom 29C3 sehen).
Ach ja, die Kunst – auch dieses Jahr habe ich wieder Umwelt verschönert, nach dem Spitzenbaum in Himmelpfort gab es dieses Jahr einen Spitzenbaum in Fürstenberg/Havel. Dazu folgt ganz bestimmt bald ein Bild!
 

English Version Part 7: My Diary from Autumn 1989 – My First Time in the WEST – 13th Nov.1989

“It was so unbelievable, you pass through it as if yesterday, there had not been a death field with mines, electric barbed wires and and and, everybody passed by, just like that, it was totally normal. The reception war equally indescribable. Total strangers hugged each other. Westberliners clapped, everybody laughed and cried. Never in my life I will forget this.”
This is the English Version, the German version is HERE.
My Diary notes of 13th November 1989
This is part 7 of my series “My diary – 25 years ago – Autumn 1989”. Earlier parts are linked at the end of this post, as well as documents, old fotographs, and my book “Mauern einreißen!” (“Tearing down walls” LINK). However, except for the diary parts, all the other pages are in German… I took out some parts which are private, you will recognise this at “(…)”, explanations come in brackets with my initials: “(ADB: explanation)” or (= explanation). More detailed explanations will be found in footnotes (numbers in brackets) at the end of this post.

***

Today is the 13th Nov 89, 11:15, Main Station on Monday
I still don’t get it, one hour ago I sat down in the S-Bahn Charlottenburg…coming from Riki (1) where I lived a weekend. Such a full one, crazy, indescribable, God, give me words to express the extent of emotions – impossible. Trying?

So eine Zählkarte hatte ich noch für den Grenzübertritt am 11.11.1989 ausfüllen müssen, sehen wollte sie aber dann doch keiner mehr an der Grenze...

Such a “Counting Card” I had to fill in to cross the border at 11th Nov. 89, however, nobody ever wanted to see it at the actual border

After the sadness on Thursday, washing on Friday morning (2), U. comes into the bath and is beaming – well, what are you saying to our victory? – I did’t know anything, then he talks about the Wall-atrophy… I run to the radio and hear it myself, everybody is allowed to go to the West, just like they want. Unfathomable. With G. I ran immediately to the Police and in 1 hour, we had our Visa. (3) This day was over. Not a bit Design done. Breakfast celebrated with G., one little Liquor was drunken. Called home and sent the parents to the police. Skipped History of Art (-lesson) and drove home. Riki had already gone home. Saturday morning by car off to the new border crossing Bernauerstrasse – Brunnenstrasse, the father pushed his way through, we stood 1 hour, the queue was endless, but it moved forward all the time. Just holding your ID card up. Around us, broken walls, construction workers, border personnel. I was beaming at one of them – they too are happy now, in spite of the stress.
zaehlkarte-RS

On top of the Wall sat West-Berliner youngsters, clapping their hands and waving, I was tearing up too. Everywhere those Westberliners, laughing, waving, uncountable TV teams (maybe M. saw me?). A woman was giving away Nimm-2 sweets, another one roses, white and red, Kaiser (=super market chain) distributed Kaiser-Coffee and chocolate – we looked for a bus and then drove by S-Bahn to Riki. We arrived at lunch time. What a turmoil, so many people. Even the buses are much nicer, the Wall is so colourful, “sauer macht lustig, Mauer macht frustig” (=literally translated: “sour makes you happy, wall frustrates you”), funny slogans everywhere. Riki lives in front of the Aztec (=jewellery shop), in the Hektorstreet, close to the Ku’damm, very close. A nice old buildings corner, 4th floor, giant windows (in the entire quarter), view over the roof tops, beautiful. A bright, uncomplicated appartment, adorable. Amazing pictures, 2 cats…nice. Son Emil with long hair, 20 years old, a to-be-percussionist. I had a room just for me. My parents went back home at night. Before, we (me on my own) strolled the Ku’damm up and down. I met Simone G. (=class mate) in the Ku-eck in an Indian shop – the world is small (…) Müncheberg (=my home and school town) is everywhere.

Genau an dieser Stelle - direkt hinter dem Brandenburger Tor - war ich mit meiner Mutter auf die Mauer geklettert. Ein unvergesslicher Moment in einer euphorischen Menge. Magie eines Augenblicks. Foto: Wikipedia Commons, Link: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Thefalloftheberlinwall1989.JPG, Autor unbekannt, Reproduktion: Lear 21 von einer Fotodokumentationswand des Berliner Senats

Right at this place – directly behind the Brandenburg Gate – I stood with my mother on top of the Wall. An unforgettable moment in an europhoric mass of people. A magical moment. Pic: Wikipedia Commons, Link: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Thefalloftheberlinwall1989.JPG, Author unknown, Reproduction: Lear 21 from a public foto documentary wall of the Berlin Senate

At 6pm we met at Riki’s place and had dinner at an Italian, at the street which is the prolongation of the Strasse des 17. Juni. The waiters were running, with red aprons, the food was heaven, the Chianti rosso was great and quite strong. The father had calamari (in rings), Riki and my mother had a giant pasta plate with fillings, mushrooms and sauces. I had a pizza calzone with mushrooms, cheese and ham. Starters were fennel, filled pepper, olives, pickled trout (fantastic), artichokes, somehow treated tomatoe (unidentifiable) (4), filled mushrooms, heavenly. I thought I would burst, it felt pity for every bit leftover. We ate everybody from everything, the pasta was the best of all. The waiters whizzed and were beaming. Once we had been replaced at another table, it was so busy there. Riki invited us. Unforgettable everything. Viva la vita, viva l’amore – the waiter when I said something about moving to another table: “that brings life into the house”, so amazing, everything.
When we were leaving, the restaurant owner stopped us at the exit, whether we would not want an amaretto or the likes as a good-bye drink – we were easily convinced, lead to the back of the restaurant and the owner treated everyone of us to a drink, a sambucco for me (anis, lighted, fine and sweet), amaretto for the father, champaign for the mother. The boss was thrilled to have us, he had only slept 2 hours, went at 3am after work to the Wall to watch (5). Everything was so funny. I look forward to the Italian G. (=pen friend, he had invited me).
Time was flying. The parents went home, I was studying maps with Riki. M. lives north of New York, not too far. Boston is not far neither. Riki’s son will soon be half a year in Hollywood, at school, thats in California. I look so much forward to travelling! Padua (= where my pen friend lived) is very close to Venice – a dream! In Amsterdam, I even found the Helmerstraat of Wiel (=dutch pen friend), a long street. Amsterdam makes a decent impression. I slept like an angel and only dreamt of Italians, waiters who were running in the courtyard, serving. (…) I wanted to get to Leipzig already yesterday. I will just come today, hopefully they (=my friends) are still there. I will still make it to the demo (=THE mondays demo). Tonight we want to celebrate. (…). I will now go to Schoeneweide, surely have some more time there.

***

(1) This is the westberliner documentary film maker Riki Kalbe, a friend of my mother, with whom we enjoyed a close friendship. She documented the changes around the Potsdamer Platz after the Fall of the Wall with fotographs. Riki was affectionate and had a great sense of humour, but she died in 2002 far too early, after already her son Emil, a talented musician, had died at age 30. My memories of the Fall of the Wall in 1989 will forever be connected with Riki and her contagious laughter, her hospitality and with inner pictures e.g. of fotographs she had taken and turned into post cards, or maps which hang at her walls in her appartment, or of the small kitchen, in which beautiful ceramics piled up and where we enjoyed turkish coffee and red wine.

Unser alter Waschraum im Wohnheim der Fachschule für Angewandte Kunst in Ober-Schlema/Erzgebirge

Our old wash room at the dormitory of the Art School in Ober-Schlema/Erzgebirge

(2) There was a common wash room in our student dormitory, a wooden barack. I meant this – unisex – wash room in my diary. It was, however, no more the old wash room, which you see at the picture above, but a new one, with real tiles at the walls and tiled shower cabins, not a steel-sheet cabin like the one we had in my earlier study years (where you see a fellow student stepping out).
(3) In the news they said that you need a stamp from the police, hence we went to the registration office, which belonged to the Police to get this type of visa. We also got a “Counting Card”, which I filled in but which nobody ever wanted to see when I passed the border to the West.
(4)  My very first italian meal….even until today the most delicious italian food I ever tasted. Maybe also because of the circumstances, but it really was heavenly. I described the food with so much detail, because none of them were available in East Germany. No Calamary, no filled mushrooms. And I had no idea how dried tomatoes look, thats why I described them as “unidentifiable”.
(5)  Only at our leaving the restaurant owner noticed that we had been coming from the East and had had our first western meal. Thats why he invited us in again, to celebrate together. It was a magic moment of joint happiness.

***

This is my last post of the series “my diary 25 years ago”, as a bonus, below a postcard,which I wrote a few days after the Fall of the Wall to a friend in West Germany. She gave it back to me years later with some other letters from this time, as a memory, and I am very thankful she did!

Dear Elisabeth,               – 19th Nov.1989, Schlema
before I sneak into my bed, some few lines. Firstly, many thanks for the Havel-article, maybe nowadays nothing is disappearing anymore? You surely heard what happens here at our side, its coming thick and fast. The euphoria was big. Already at the 10th of November (=it was actually the 11th) we sat in the car to be witnesses in Berlin of the unimaginable to be the truth. Funnily, I wandered through the former Wall, freshly broken through, at exactly 11:11 o’clock. I cannot describe emotions, absolutely impossible. Like many others I fought back my tears.

It was so unbelievable, you pass through it as if yesterday, there had not been a death field with mines, electric barbed wires and and and, everybody passed by, just like that, it was totally normal. The reception war equally indescribable. Total strangers hugged each other. Westberliners clapped, everybody laughed and cried. Never in my life I will forget this. Hopefully, it was not too early, I fear an economic catastrophe. In W-Berlin they have already exchange rates of 1:20, what will happen to our GDR-Mark? Hopefully we get over the winter. Apropos, you invited me so often, I would really like to come. I only have time off in December, than again in summer. Would it be possible between 27th and 30th Dec.? If you already have visitors or prefer to be on your own at this time of the year, I of course understand. I would drive in the night and arrive in the morning in FFM. It would be so nice. All the best and greetings to all,
Anke

This was the 7th and last part of my little series of diary entries of the revolutionary autumn 1989. Should you want to read more from me about my time in East Germany, you can read my book “Tearing down Walls” (original title “Mauern einreißen!”) which only exists in German so far.
Further Information around the Fall of the Berlin Wall ’89:

For German versions, see HERE.

English Version Part 6: My Diary from Autumn 1989 – The Berlin Wall is falling – 09th Nov.1989


“Today, today several hours ago the news – border of the GDR opened! Emigration within 24 hours, private trips from today onwards with just 1-2 weeks notice possible. Unbelievable. Big joy? Big sadness, incomprehensible? – Every hour 3.500 emigrants, every hour!! Alas, they all leave us.”

This is the English Version, the German version is HERE.
My Diary notes of 9th November 1989
This is part 6 of my series “My diary – 25 years ago – Autumn 1989”. Earlier parts are linked at the end of this post, as well as documents, old fotographs, and my book “Mauern einreißen!” (“Tearing down walls” LINK). However, except for the diary parts, all the other pages are in German… I took out some parts which are private, you will recognise this at “(…)”, explanations come in brackets with my initials: “(ADB: explanation)” or (= explanation). More detailed explanations will be found in footnotes (numbers in brackets) at the end of this post.

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9th Nov. 89 – 0:15, student dormitory, Friday
Brother lost? (1) Today, today several hours ago the news – border of the GDR opened! Emigration within 24 hours, (and) private trips from today onwards with just 1-2 weeks notice possible.

My diary entry from the 9th Nov. 1989

Unbelievable. Big joy? Big sadness (2), incomprehensible? – Every hour 3.500 emigrants, every hour!! Alas, all leave us. Is Kuno (=my brother) still here after all? The (people from the) Demokratischer Aufbruch (= oppositional group (3)) went to the border crossings and tried to convince people to stay here. Everybody leaves, in masses, everything breaks down. Continuously new resignations (4), everything is coming thick and fast.

At this radio recorder I heard and taped the news on the East German border at the evening of 9th Nov. 1989

At this radio recorder I heard and taped the news on the East German border at the evening of 9th Nov. 1989

New Year in Italy? (5) How is Sebastian? (6) Such news and he there, inside (=the prison), important times. Historic times. Berlin demonstration of millions unforgettable. Banner slogans contemporary documents. Next to me, Cesar is purring, our 3rd dormitory cat, next to Susi and Detlef. K. is like exchanged, so kind. Ach. We will request a 6 months study interruption to work in the production. We already volunteered to help out in health care as temps. In KMST (=Karl-Marx-Stadt, today City of Chemnitz) they want to “try” to keep up the Dispensaire-care, the DMH (DMH = Dringliche Medizinische Hilfe = emergency care) and the intensive care, all the rest is gravely underserved, the staff barely ever has time off. Will it help to ease the situation for the doctors? Working in a company or an old-age home – good for the people, true, earning some money at the same time for travels. In the summer to the US? Can I afford the passage? M. invites me, such a kind soul! Visiting France? Mediterranean Sea, the Netherlands, all people (=means my friends (7)), Tunisia, Luanda, where to get the vacation days from, where the money?? I have a longing to (go) everywhere, but to come back.
Anke

***

(1) My brother had filed for emigration and as I already wrote earlier in my diary, I feared to never see him again should he get his emigration approved. Hence the news meant for me something important: my brother is NOT lost, regardless of him emigrating or not, I will be able to see him again!

Selbstportrait, entstanden am 11.09.1989 unter dem Eindruck von Grenzöffnung und Massenflucht

Self portrait, painted with ink at the evening of 9th Nov. 1989 under the impression of the East German border opening and the immediate mass emigration

(2) That with the “big sadness” today, only few people will understand, but it was indeed like that. I had very ambivalent feelings. The alternative of which I had dreamt, “The Third Way” of a democratic socialism, which I and many other oppositionals imagined, had all of a sudden become obsolete with the Fall of the Wall. It was apparent that no more masses will go marching in the streets for this goal. Besides this, the news also told of an emigration-tsunami, with an immediately starting mass flight which concerned me a lot. Thats why I was not only happy but also sad at this evening. We had not only fought for freedom of travels but for a bigger whole. When I heard the news of the border opening, I had been drawing self portraits for the subject Life Drawing. My ambivalent emotions are easy to recognize in these pictures, painted with reed pen and ink. They are not very beautiful … but impressive.  
(3) The Demokratische Aufbruch (DA) was one of the many oppositional groups in the GDR. It only existed from Oct. 1989 until August 1990 and is mainly known for its personnel issues. Within the GDR opposition, the DA was a rather conservative stream. Its press speaker was e.g. Angela Merkel (yes, its her). Its last president Rainer Eppelmann had not only a seat at the Round Table in Berlin but also became a Minister in the first freely elected government in East Germany in 1990. Rather famous AND notorious was the first president of the DA, Wolfgang Schnur, a lawyer, whos telephone number I also got when I was seeking legal assistance for my friend Sebastian. I called this number many times but since I was lucky, nobody ever picked up. It turned out later, that Schnur was a long time Stasi spy and diligently reported on the inner circles of the opposition. This cost him his job as president of the Demokratischer Aufbruch and made the post available for Rainer Eppelmann. In August 1990, the Demokratischer Aufbruch ceased to exist as an independent party and fusioned with the East-CDU (christian democrates party), which in October 1990 fusioned with the West German CDU. Thats how Angela Merkel came from the Demokratischer Aufbruch to the CDU, her first step towards the Chancellerie…

So signierte ich die 6-7 Selbstportraits auf der Rückseite, die am 09. Nov. 1989 entstanden

This is the signature at the back of the 6-7 self portraits I created at 9th Nov. 1989, the two words mean: “Mass Flight” and “Border Opening”

(4) The most important resignation was of course that of Erich Honecker, the president of the Staatsrat, at 18th Oct. 1989, further members of the Politbuerau followed. The culmination point of the bacchanal of resignations was the step down of Erich Mielke, Chief of the Stasi, at 7th Nov. 1989, together with the government around Willi Stoph (president of the Ministers Council). At the next day, the 8th Nov. 1989, the remaining members of the Politbureau of the Central Committee of the SED party resigned. Unforgettable is the (last?) appearance of Erich Mielke in the GDR Volkskammer-Parliament, where he declared in front of laughing MPs (and the rest of the world) that he loved them all… “Yes, I love, I DO love all… all people… I do love…” The tears are tripping me… (Video – german – on  YouTube).

Screen Shot 2014-11-02 at 18.11.08

(5) I had a pen friend in Italy who had invited me many times to visit him in Padua. Now, a visit seemed possible. 
(6) Sebastian has another name in real life. A friend of childhood days who was imprisoned in Halle. I had pretended to be his fiancée in order to get writing and visiting rights. There had been protests in early October in that prison too, of which he wanted to inform me in his smuggeled letter. He was caught red handed (see Part 4 and 5 of this series) and suffered tightened confinement conditions.

(7) In all these countries I had pen-friends. I had many such letter-based-contacts, since for me, this was a kind of travelling and an option for a cultural and language exchange. When all of a sudden we were granted free movement, my head was buzzling with all opportunities. I had so many potential invitations, so many access points, so many potential travel destinations, that I started to pragmatically consider where to go and where to take the time and money from in order to actually do it. With this, I realised for the first time, that freedom to move is in itself only a theoretical possibility (to start with). My next summer holiday brought me indeed with a Trabbi (=Trabant, small and typical East German car) to the french Normandie and with PanAm (a big airline at that time) to the USA, to my friend M. With her, I drove by car from Massachussets through 11 Federal States, down to Tennessee to her bread-baking uncle. On our way back we marvelled at the Niagara Falls, I visited Boston and New York City. There, I saw the first homeless people in my life, right at the bus station, amongst them younger women, sleeping on card boards. This image haunted me for a long time.

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This was the 6th part of a small series of diary entries from autumn 1989 in East Germany. Further posts will follow in the next days. Should you want to read more from me about my time in East Germany, you can read my book “Tearing down Walls” (original title “Mauern einreißen!”) which only exists in German so far.
Further Information around the Fall of the Berlin Wall ’89:

For German versions, see HERE.

Teil 7 – Aus meinem Tagebuch vor 25 Jahren – mein erstes Mal im Westen – 13.11.1989

“Gefühle kann ich nicht beschreiben, ist absolut unmöglich. Ich hab wie viele mit den Tränen gekämpft. Es war so unglaublich, man geht da durch, als wäre es nicht gestern noch ein Todesfeld mit Minen, ein Stromstacheldraht und und und, alle gingen durch, nur so, es war völlig normal. Der Empfang war ebenso unbeschreiblich. Wildfremde Menschen umarmten sich. Westberliner klatschten, alles lachte und heulte. Nie im Leben vergeß ich das.”

Meine Tagebuchnotizen vom 13. November 1989. (English Version coming soon!)

Dies ist Teil 7 aus der Reihe “Aus meinem Tagebuch – vor 25 Jahren – Herbst 1989″, frühere Teile sind am Ende dieses Posts verlinkt, ebenso wie Dokumente, Fotos aus der Zeit und mein Buch “Mauern einreißen”. Es gibt alle Teile auch in englischen Übersetzungen auf meinem Blog. Kürzungen (private Inhalte) sind erkennbar an “(…)”, Erklärungen gibt es in Klammern: (ADB: Erklärung) oder so: (=blabla). Ausführlichere Erklärungen gibt es in Fußnoten.

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Heute ist der 13.11.89, 11:15, Hauptbahnhof am Montag
Ich faß es noch gar nicht, vor 1 Stunde genau setzte ich mich in die S-Bahn-Charlottenburg… kam von der Riki (1), wo ich ein Wochenende gelebt hatte. Ein so volles. Wahnsinn, unbeschreiblich, Herr Gott, gib mir Worte, das Maß an Emotion auszudrücken – unmöglich. Versuchen?

So eine Zählkarte hatte ich noch für den Grenzübertritt am 11.11.1989 ausfüllen müssen, sehen wollte sie aber dann doch keiner mehr an der Grenze…

Nach der Trauer am Donnerstag – waschen Freitag früh (2). U. kommt ins Bad und strahlt – na, was sagst Du zu unserem Sieg? – Ich wußte nichts, da redet er von Mauerschwund… Ich renne zum Radio und höre es selbst, jeder darf rüber wie er will. Unfaßbar. Ich bin mit Gundi gleich zur Polizei und in 1 Std. hatten wir das Visum. (3) Der Tag war gelaufen. Kein Fatz Entwurf gemacht. Frühstück (mit) Gundel gefeiert, ein Likörchen getrunken. Angerufen zu Hause und die Eltern zur Polizei geschickt. Kunstgeschichte geschwänzt und heim gefahren. Riki war schon weg. Am Samstag früh mit Auto los zum neuen Übergang Bernauerstrasse-Brunnenstrasse, der Vater drängelte sich rein, wir standen 1 Stunde, die Schlange war endlos, es ging ständig vorwärts. Nur Ausweis hochhalten. Ringsherum aufgebrochene Mauern, Bauarbeiter, Grenzer. Ich strahlte einen an – auch die freuen sich jetzt, trotz Streß.
zaehlkarte-RSAuf der Mauer saßen Westberliner Jugendliche, klatschten und winkten, mir standen auch Tränen in den Augen. Überall die Westberliner, lachen, winkend, x-Fernsehteams (vielleicht sah mich M…?) Eine Frau verteilte Nimm-2, andere Rosen, weiß und rot, Kaiser verteilte Kaiserkaffee und Schokolade – wir suchten einen Bus und fuhren dann per SBahn zur Riki. Mittags waren wir da. Ein Taumel, so viele Leute. Schon die Busse sind viel schöner, die Mauer so bunt, “sauer macht lustig, Mauer macht frustig” – schöne Sprüche überall. Riki wohnt gegenüber vom Azteken (=Schmuckladen), in der Hektorstr. (…), neben dem Kudamm, ganz dicht. Eine schöne Altbauecke, 4. Stock, Riesenfenster (im ganzen Viertel), Blick auf die Dächer, wunderschön. Helle, unkomplizierte Wohnung, liebenswert. Tolle Fotos, 2 Katzen… schön. Sohn Emil mit langen Lohden, 20. Jahre, zukünftiger Schlagzeuger. Ich hatte ein Zimmer für mich ganz allein. Die Eltern fuhren nachts zurück. Vorher sind wir (ich allein) den Kudamm auf und ab gebummelt. Hab im Ku-eck im Indienladen die Simone G. (=Schulkameradin) getroffen – die Welt ist klein, (…) Müncheberg (=Heimat- und Schulort) ist überall.

Genau an dieser Stelle - direkt hinter dem Brandenburger Tor - war ich mit meiner Mutter auf die Mauer geklettert. Ein unvergesslicher Moment in einer euphorischen Menge. Magie eines Augenblicks. Foto: Wikipedia Commons, Link: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Thefalloftheberlinwall1989.JPG, Autor unbekannt, Reproduktion: Lear 21 von einer Fotodokumentationswand des Berliner Senats

Genau an dieser Stelle – direkt hinter dem Brandenburger Tor – war ich mit meiner Mutter auf die Mauer geklettert. Ein unvergesslicher Moment in einer euphorischen Menge. Magie eines Augenblicks. Foto: Wikipedia Commons, Link: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Thefalloftheberlinwall1989.JPG, Autor unbekannt, Reproduktion: Lear 21 von einer Fotodokumentationswand des Berliner Senats

Um 18:00 haben wir uns bei Riki getroffen und beim Italiener gegessen, auf der Strasse, die in die des 17. Juni übergeht. Die Kellner rannten, mit roten Schürzen, das Essen war göttlich, der Chianti rosso wunderbar und ziemlich stark. Der Vater aß Calamari (in Ringen), Riki und die Meuder (=Spitzname meiner Mutter) eine Riesennudelplatte mit Füllungen, Pilzen und Saucen. Ich hatte eine Calzonepizza mit Pilzen, Käse und Schinken. Vorspeise war Fenchel, gefüllte Paprika, Oliven, eingelegte Forelle (super), Artischocke, irgendwie bearbeitete Tomate (unkenntlich)(4), gefüllte Pilze etc., göttlich. Ich dachte, ich muß platzen, es tat leid um jeden Rest. Wir aßen jeder von jedem, die Nudeln waren das beste dabei. Die Kellner flitzten und strahlten. Wir wurden einmal an einen anderen Tisch platziert, es war so viel Betrieb dort. Riki hatte uns eingeladen. Unvergeßlich alles. Viva la vita viva l’amore – der Kellner auf meine Umzugsbemerkung: “das bringt doch Leben in die Bude”, so toll alles.
Als wir gingen hielt uns der Restaurantchef vor der Tür an, ob wir nicht zum Abschied noch einen Amaretto oder dergleichen – wir waren schnell überredet, nach hinten geführt und bekamen jeder vom Chef was spendiert, einen Sambucco für mich (Anis, angezündet, fein und süß), Amaretto für den Vater, Sekt für die Meuder. Der Chef freute sich über uns, hatte nur 2 St. geschlafen, war nachts um 3:00 nach der Arbeit noch zur Mauer gewandert um zuzuschauen. (5) Alles war so lustig, ich freue mich schon sehr auf den Italiener, G. (=Brieffreund, er hatte mich eingeladen).
Die Zeit verrennt. Die Eltern fuhren dann heim, ich schaute mit Riki noch Landkarten an, M. wohnt nördlich von New York, gar nicht so weit. Boston ist auch in der Nähe. Riki’s Sohn ist bald ein halbes Jahr in Hollywood, zur Schule, das ist auch in Californien. Ich freue mich so auf die Reise! Padua (=wo mein Brieffreund wohnte) ist ganz dicht bei Venedig – ein Traum! In Amsterdam habe ich sogar die Helmerstraat von Wiel (=holländischer Brieffreund) entdeckt, eine lange Straße. Amsterdam macht einen feinen Eindruck. Geschlafen habe ich wie ein Engel und nur von Italienern geträumt, Kellnern die auf dem Hof herumrannten und servierten. (…) Ich wollte ja schon gestern abend nach Leipzig kommen, komme ich eben heute, hoffentlich sind sie (=meine Freunde) noch da. Zur Demo (=Montagsdemo) schaffe ich es noch. Heute abend wollen wir feten. (…) Ich werde jetzt nach Schöneweide fahren, da ist bestimmt auch noch Zeit.

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(1) Die Rede ist von der westberliner Dokumentarfilmerin Riki Kalbe, eine Freundin meiner Mutter, mit der uns eine enge Freundschaft verband. Sie hat fotographisch u.a. die Veränderungen rund um den Potsdamer Platz nach dem Mauerfall begleitet. Sie war herzlich und humorvoll aber ist leider 2002 viel zu früh gestorben, nach dem schon ihr Sohn Emil, ein begabter Musiker, mit nur 30 Jahren gestorben war. Meine Erinnerungen an den Mauerfall 1989 sind für immer mit Riki und ihrem herzlichen Lachen verbunden, mit ihrer Gastfreundschaft und den inneren Bildern z.B. von Postkartenfotos aus ihrer Kamera, Landkarten, die in ihrer Wohnung an den Wänden hingen, von der kleinen Küche, in der sich schöne Keramik stapelte und in der wir türkischen Kaffee und Rotwein tranken.

Unser alter Waschraum im Wohnheim der Fachschule für Angewandte Kunst in Ober-Schlema/Erzgebirge

Unser alter Waschraum im Wohnheim der Fachschule für Angewandte Kunst in Ober-Schlema/Erzgebirge (Foto: Kathrin Roth-Wagner)

(2) Es gab einen gemeinsamen Waschraum im Studentenwohnheim, einer Holzbaracke. Von diesem (unisex) Waschraum ist die Rede…Es war allerdings nicht mehr der alte Waschraum, wie hier abgebildet, sondern ein neuer, mit richtigen Fliesen an der Wand und gekachelten Duschkabinen, nicht mit so einer aus Blech wie in meinen ersten Studienjahren.
(3) In den Nachrichten hieß es noch, dass man einen Stempel von der Polizei braucht, deshalb sind wir zur Meldestelle, die zur Polizei gehörte und haben uns dieses Visum besorgt. Auch eine Zählkarte bekamen wir, die ich noch ausfüllt hatte, aber die niemand an der Grenze mehr sehen wollte.
(4) Mein allererstes italienisches Essen… bis auf den heutigen Tag das leckerste italienische Essen, dass ich je gegessen habe. Bestimmt auch wegen der Umstände, aber es war einfach auch himmlisch. Ich beschrieb das alles so genau, weil es alle diese Speisen so in der DDR nicht gegeben hatte. Weder Calamari noch gefüllte Pilze. Und wie getrocknete Tomaten aussehen, wußte ich auch nicht, daher beschrieb ich ihre Bearbeitung als “unkenntlich”.
(5) Erst beim Herausgehen hatte der Restaurantbesitzer mitbekommen, dass wir Ossis und bei unserem ersten West-Essen waren. Deshalb lotste er uns wieder hinein, um gemeinsam zu feiern. Es war ein magischer Moment des gemeinschaftlichen Glücks.

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Dies ist mein letzter Beitrag aus der Serie “Mein Tagebuch vor 25 Jahren”, als Bonus gibt es noch eine Postkarte, die ich wenige Tage nach dem Mauerfall an eine Freundin in Westdeutschland schrieb. Sie gab sie mir Jahre später mit anderen Briefen aus der Wendezeit zurück, als Erinnerung, und ich bin dafür sehr dankbar!

Liebe Elisabeth,               – 19.11.1989, Schlema

bevor ich ins Bett verschwinde, noch schnell ein paar Zeilen. Zuerst lieben Dank für den Havel-Artikel, vielleicht verschwindet heute wirklich nichts mehr? Ihr hört sicher, was so alles los ist bei uns, es überschlägt sich. Die Euphorie war groß. Gleich am 10.11. haben wir uns ins Auto gesetzt, um uns in Berlin von der Wahrheit des Unvorstellbaren zu überzeugen. Ich bin ulkigerweise just 11:11 Uhr durch die ehemalige Mauer – frisch durchgebrochen gewandert. Gefühle kann ich nicht beschreiben, ist absolut unmöglich. Ich hab wie viele mit den Tränen gekämpft.

Es war so unglaublich, man geht da durch, als wäre es nicht gestern noch ein Todesfeld mit Minen, ein Stromstacheldraht und und und, alle gingen durch, nur so, es war völlig normal. Der Empfang war ebenso unbeschreiblich. Wildfremde Menschen umarmten sich. Westberliner klatschten, alles lachte und heulte. Nie im Leben vergeß ich das. Hoffentlich war es trotz allem nicht zu früh, ich fürchte eine ökonomische Katastrophe. In W-Berlin tauscht man schon 1:20, was soll da aus der DDR-Mark werden? Hoffentlich kommen wir über den Winter. Apropos, so oft habt Ihr mich schon eingeladen, da würde ich so gern wirklich kommen. Ich habe nur im Dezember frei, sonst erst im Sommer. Wäre es vom 27.-30.12. möglich? Wenn Ihr schon Besuch habt, oder um diese Zeit lieber unter Euch seid, versteh ich das natürlich. Ich würde nachts fahren und vormittags ankommen in FFM. Es wäre so schön. Alles Liebe und Grüße an alle,

Anke

Dies war der 7. und letzte Teil einer kleinen Reihe von Tagebucheinträgen aus dem Herbst 1989.  Wer mehr als Tagebücher von mir zu dieser Zeit lesen möchte, dem sei mein Buch ans Herz gelegt.

For english versions, see HERE.
Weitere Informationen rund um die Wende ’89:

Teil 6 – Aus meinem Tagebuch vor 25 Jahren – Die Mauer fällt – 9.Nov.1989


“Heute – heute vor Stunden die Nachrichten – Grenze der DDR geöffnet! Ausreisen innerhalb von 24 Stunden, Privatreisen ab sofort bei 1 Wo – 2 Wo. Anmeldung möglich. Unglaublich. Große Freude? Große Trauer, unbegreiflich? – Je Stunde 3.500 Ausreiser, je Stunde!! Oh je, alle verlassen uns.”


Meine Tagebuchnotizen vom 09. November 1989. (English version HERE!)

Dies ist Teil 6 aus der Reihe “Aus meinem Tagebuch – vor 25 Jahren – Herbst 1989″, frühere Teile sind am Ende dieses Posts verlinkt, ebenso wie Dokumente, Fotos aus der Zeit und mein Buch “Mauern einreißen”. Es gibt alle Teile auch in englischen Übersetzungen auf meinem Blog. Kürzungen (private Inhalte) sind erkennbar an “(…)”, Erklärungen gibt es in Klammern: (ADB: Erklärung) oder so: (=blabla). Ausführlichere Erklärungen gibt es in Fußnoten.

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09.11.89 – 0:15, WH, FREITAG
Bruder verloren? (1) Heute – heute vor Stunden die Nachrichten – Grenze der DDR geöffnet! Ausreisen innerhalb von 24 Stunden, Privatreisen ab sofort bei 1 Wo – 2 Wo. Anmeldung möglich.

Unglaublich. Große Freude? Große Trauer (2), unbegreiflich?  – Je Stunde 3.500 Ausreiser, je Stunde!! Oh je, alle verlassen uns. Ist Kuno (= mein Bruder) überhaupt noch da? Der Demokratische Aufbruch (3) hat sich vor dem Übergang hingestellt und Leute versucht, zum hierbleiben zu bewegen. Alles geht, zu so vielen, alles bricht zusammen. Ständig neue Rücktritte, (4) alles überschlägt sich.

Auf diesem Radiorecorder habe ich am 9.11.1989 die Nachrichten von der Grenzöffnung verfolgt

Auf diesem Radiorecorder habe ich am 9.11.1989 die Nachrichten von der Grenzöffnung verfolgt

Neujahr in Italien? (5) Wie geht es Sebastian? (6) Solche Nachrichten und er da drin (= Gefängnis), wichtige Zeit. Zeitgeschichte. Berliner Millionendemo unvergesslich, Plakatsprüche Zeitdokumente. Neben mir schnurrt Cäsar, unsere 3. WH Katze, neben Susi und Detlef. K. wie ausgewechselt, so lieb. Ach ja. Wir werden eine 6 Mon. Studienunterbrechung beantragen, um in der Prod. zu arbeiten. Fürs Gesundheitswesen haben wir uns jetzt schon zur Aushilfe gemeldet. In KMST (=Karl Marx Stadt, heute Chemnitz) will man “versuchen”, die Dispensairebetreuung, die DMH (=Dringliche Medizinische Hilfe) und die Intensivtherapie aufrecht  zu erhalten… der Rest liegt brach, frei haben sie dort kaum. Wird das die allg. Lage der Ärzte verbessern helfen? Arbeit im Betrieb oder Altersheim – gut für den Menschen, wahr, nebenbei Geld für Reisen verdienen. Im Sommer nach Amerika? Kann ich die Überfahrt bezahlen? M. lädt mich ein, eine so liebe Seele. Frankreich besuchen? Mittelmeer, Holland, alle Leute, (7) Tunesien, Luanda, woher Urlaub, woher Geld?? Ich habe Sehnucht, überallhin, um wiederzukommen.
Anke.

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(1) Mein Bruder hatte die Ausreise beantragt und wie ich früher in mein Tagebuch schon schrieb, fürchtete ich bei einer Ausreise, dass ich ihn nie wieder sehen würde. Bei den Nachrichten war mir also eine der wichtigsten Erkenntnisse: Mein Bruder ist nicht verloren, egal, ob er nun ausreist oder nicht, ich werde ihn wieder sehen können :-).

Selbstportrait, entstanden am 09.11.1989 unter dem Eindruck von Grenzöffnung und Massenflucht

Selbstportrait, entstanden am 09.11.1989 unter dem Eindruck von Grenzöffnung und Massenflucht

(2) Das mit der “großen Trauer” versteht heute wohl kaum jemand mehr, aber so war es tatsächlich, ich hatte sehr ambivalente Gefühle. Die Alternative von der ich träumte, der Dritte Weg eines demokratischen Sozialismus, der mir und anderen Oppositionellen damals vorschwebte, war mit der Maueröffnung schlagartig obsolet geworden. Es war sonnenscheinklar, dass nun keine Massen mehr dafür auf die Straße gehen werden. Außerdem gab es gleichzeitig die Nachricht eines Ausreise-Tsunamis und die sofort einsetzende Massenflucht machte mir große Sorgen. Deshalb war ich eben nicht nur froh sondern auch traurig an jenem Abend. Wir hatten nicht nur für Reisefreiheit gekämpft sondern für ein großes Ganzes. Als ich die Nachrichten von der Grenzöffnung hörte, zeichnete ich gerade für das Fach Naturstudium Selbstportraits. Meine ambivalente Gefühlswelt ist in diesen grob mit Rohrfeder und Tusche gezeichneten Bildern gut erkennbar. Schön sind sie nicht geworden…aber eindringlich.

(3) Der Demokratische Aufbruch (DA) war eine der zahlreichen oppositionellen Gruppen der DDR. Sie existierte nur von Oktober 1989 bis August 1990 und ist vor allem durch Personalien bekannt. Innerhalb der DDR Opposition war der DA eine konservativere Strömung, seine Pressesprecherin war z.B. Angela Merkel, sein letzter Vorsitzender Rainer Eppelmann saß nicht nur am Runden Tisch in Berlin sondern wurde auch Minister in der ersten frei gewählten Regierung der DDR 1990. Eher berühmt berüchtigt war der zuerst als Vorsitzende amtierende Wolfgang Schnur, ein Rechtsanwalt, dessen Telefonnummer ich auch erhalten hatte, als ich Hilfe für meinen Freund Sebastian suchte. Ich habe diese Nummer vielfach angerufen aber zum Glück hob nie jemand ab. Es stellte sich nämlich heraus, dass Schnur langjähriger Stasispitzel war und insbesondere aus dem Inneren der Opposition fleißig berichtet hatte. Das kostete ihn dann auch den Job als Vorsitzender beim Demokratischen Aufbruch und machte damit den Posten frei für Rainer Eppelmann. Im August 1990 beendete der Demokratische Aufbruch seine Existenz als eigenständige Partei und schloss sich der DDR- CDU an, die wiederum im Oktober mit der West-CDU fusionierte. Und so kam Angela Merkel vom Demokratischen Aufbruch zur CDU, der erste Schritt in Richtung Kanzlerinnenamt.

So signierte ich die 6-7 Selbstportraits auf der Rückseite, die am 09. Nov. 1989 entstanden

So signierte ich die 6-7 Selbstportraits auf der Rückseite, die am 09. Nov. 1989 entstanden

(4) Der wichtigste Rücktritt war natürlich der von Erich Honecker, dem Staatsratsvorsitzenden, am 18.10.89, weitere Mitglieder des Politbüros folgten. Ein Kulminationspunkt in der Rücktrittsorgie war jedoch der Abgang von Erich Mielke, Chef der Staatssicherheit, am 7.11.89 – zusammen mit der Regierung Willi Stoph (Vorsitzender des Ministerrates). Am nächsten Tag, dem 8.11.89, trat das verbliebene Politbüro des ZK der SED zurück. Unvergessen sein (letzter?) Auftritt in der DDR Volkskammer, wo er den lachenden Abgeordneten und dem Rest der Welt erklärte, dass er sie doch alle liebe… “Ja, ich liebe, ich liebe doch alle… alle Menschen… ich liebe doch…”. Mir kommen die Tränen. (Video auf YouTube)

Screen Shot 2014-11-02 at 18.11.08

(5) Ich hatte einen Brieffreund in Italien, der mich schon oft eingeladen hatte zu sich nach Padua. Nun schien ein Besuch auf einmal möglich…

(6) Sebastian heißt eigentlich anders. Ein Freund aus Kindertagen, der in Halle im Gefängnis saß. Ich hatte mich als seine Verlobte ausgegeben, um Schreib- und Besuchsrechte zu erhalten. Es hatte Anfang Oktober auch in der Justizvollzugsanstalt Proteste gegeben, von denen er mir in einem Schmuggelbrief berichten wollte. Er war erwischt worden (siehe dazu auch Teil 4 und 5 der Tagebücherserie) und litt unter verschärften Haftbedingungen.

Ausschnitt aus einem der 6-7 Selbstportraits, die am 9.11.89 entstanden

(7) In all diesen Ländern hatte ich Brieffreundschaften. Ich pflegte viele solche Briefkontakte, da es auch eine Art des Reisens war und  ein sprachlich-kultureller Austausch. Als auf einmal Reisefreiheit herrschte, schwirrte mir der Kopf voller Möglichkeiten. Ich hatte so viele potenzielle Einladungen, so viele Anlaufpunkte, so viele mögliche Reiseziele, dass ich ganz pragmatisch anfing zu überlegen, wo ich denn nun hinfahre, und wo ich die Zeit und das Geld dafür bekomme. Ich begriff erst dadurch, dass Reisefreiheit erst einmal nur eine theoretische Möglichkeit ist. Mein folgender Sommerurlaub führte mich aber dann tatsächlich mit dem Trabbi nach Frankreich in die Normandie und mit PanAm (das war früher mal eine recht große Airline) in die USA zu meiner Freundin M. Mit ihr fuhr ich per Auto von Massachusetts durch 11 Bundesstaaten, bis nach Tennessee zu ihrem brotbackenden Onkel. Auf dem Rückweg bestaunten wir die Niagarafälle, ich besuchte Boston und New York City. Dort sah ich die ersten Obdachlosen gleich am Busbahnhof, darunter jüngere Frauen, die auf Pappen schliefen. Ich wurde diesen Anblick sehr lange nicht mehr los…

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Dies war der 6. Teil einer kleinen Reihe von Tagebucheinträgen aus dem Herbst 1989. Weitere folgen in den nächsten Tagen. Wer mehr als Tagebücher von mir zu dieser Zeit lesen möchte, dem sei mein Buch ans Herz gelegt.
For english versions, see HERE.
Weitere Informationen rund um die Wende ’89:

 

English Version Part 5: My Diary from Autumn 1989 – around the Fall of the Berlin Wall – 05th Nov.1989

“What a weekend! In Berlin the biggest demonstration which ever took place in this city, voluntarily 1 mio in the streets! Directly reported at DDR1, all speakers uncensored, the calls for the government to step down, diatribes on Krenz and the likes, new elections, legal permission of NF etc. So beautiful banners, they should be collected for a special exhibition. A historic record. I would have loved to be there.”

This is the English Version, the German version is HERE.
My Diary notes of 5th November 1989
This is part 5 of my series “My diary – 25 years ago – Autumn 1989”. Earlier parts are linked at the end of this post, as well as documents, old fotographs, and my book “Mauern einreißen!” (“Tearing down walls” LINK). However, except for the diary parts, all the other pages are in German… I took out some parts which are private, you will recognise this at “(…)”, explanations come in brackets with my initials: “(ADB: explanation)” or (= explanation). More detailed explanations will be found in footnotes.

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5th Nov.89, 10:15 am, P-Zug (=train) Halle-Leipzig, Sunday
What a weekend! In Berlin the biggest demonstration which ever took place in this city, voluntarily 1 mio in the streets! Directly reported at DDR1 (= nr 1 GDR TV channel), all speakers uncensored, the calls for the government to step down, diatribes on Krenz and the likes, new elections, legal permit for NF (=New Forum, oppositional group) etc. So beautiful banners, they should be collected for a special exhibition. A historic record. I would have loved to be there.
On Friday, I went first to Ha-Neu (= District Halle Neustadt), from there to the Superintendent in the City of Halle. He wasn’t in the Market Church, but at home (…). A skinny man, speaking condensely, concentrated. He listened, I fought back my tears. He was casually asking, what comforted me, how I stood towards the church, how we got to know each other (=me and my friend in prison), on my studies. He called the vigil and drove me there with his car, to pastor Hanewinckel (1). He is the soul of the St. George Church, (and) of the vigil, a man with golden metal rimmed glasses and an undulating grey beard, heavily smoking, like nearly all others there. Until deep in the night he is there and helps everybody. He went with us into a room where we were alone, listened to everything and decided to help.

Mahnwache Nov. 1989, Bild: Hans-Joachim Hanewinckel, aus Udo Grashoff "Keine Gewalt! Dokumente und Interviews. Der revolutionäre Herbst 1989 in Halle an der Saale"

Vigil St. George Church, Halle/Saale, Oct./Nov. 1989, Pic: Hans-Joachim Hanewinckel, aus Udo Grashoff “Keine Gewalt! Dokumente und Interviews. Der revolutionäre Herbst 1989 in Halle an der Saale”

He brought a young man into the room, “Mike”, discharged after 14 months in the juvenil prison Halle at 10th Oct. 89. He is now a case for Amnesty International. He listened to me and than skipped his date to talk with me instead. He still has some contacts to the juvenile prison and promised to get to know something on Monday and to let me know in writing. We walked at app. 11pm to Ha-Neu, he told me his story, hairraising. In 1987, he had filed a request for emigration, provoked the Stasi various times (2 hours sitting in front of the Brandenburg Gate, slow driving up and down in front of it, etc.). He had been interrogated several times and once, on a trip to Eisenach, he was arrested in the train on suspected illegal emigration (=”Republikflucht”). He was put behind bars for 14 months.
His parents dissociated themselves from him. The conditions had been most miserable, always locked in, even during work hours. Various times, he went on strike to improve conditions. Once, their working clothes – standing for dirt – (= German expression) had not been changed for 60 days, they got soup from 1969 and when they unwrapped a camembert, worms crawled out… Once he went into hunger strike, sitting in confinement. The bed was only locked open during the night, the lavatory was locked in the night. After 3 days without eating and drinking they didn’t open the lavatory anymore, “who is not eating, has no need to wash or brush teeth”. After 5 days, when already everything went black most of the time, they came, attached chains with shackels at his hands and feet, put him onto a steel bed and forcefed him with a funnel – then he gave in.

Mahnwache Nov. 1989, Bild: Hans-Joachim Hanewinckel, aus Udo Grashoff "Keine Gewalt! Dokumente und Interviews. Der revolutionäre Herbst 1989 in Halle an der Saale" (S.20)

Vigil St. George Church, Halle/Saale, Oct./Nov. 1989, Pic: Hans-Joachim Hanewinckel, aus Udo Grashoff “Keine Gewalt! Dokumente und Interviews. Der revolutionäre Herbst 1989 in Halle an der Saale”

That something like this exists here! The name Sebastian (2) seemed to ring a bell, but he could not remember his face. He will take care of it. The next morning I called laywer Frenzel, who could not engage in the case before 16th Nov. I called Hanewinckel, we tried to reach 2 other lawyers. It became noon. I called Sebastians mother, for new info. The day before, a letter had come each from the prison and from Sebastian. Sebastian wrote that he is well… he had tried to smuggle a letter and was being punished by disciplinary measures. He had an infection on his head, therefore, his hair had to go. Sebastian as a skinhead… Nothing about a new visit.

Auszug aus den Gründungsstatuten der Sozialdemokratischen Partei der DDR - ich habe die Papiere von der Hallenser Veranstaltung mitgenommen

Snippit from the founding statutes of the Social Democract Party of the GDR – I brought the document from their event in Halle

Around 4pm a new message from Hanewinckel. In Puschkinstreet, in the House of the Junge Gemeinde (=youth branch of the parish), a SDP (=Social Democrat Party of the GDR, founded early Oct. 1989) event was taking place right now, in the back (of the room), a Dr. Willms would sit, in a black shirt and a beige jumper on top of it… he was informed and would bring me into contact with a lawyer. When I eventually found the place, the event had just ended and Dr. Willms was miles away. From the house of pastor Körner I called Hanewinckel. He gave me the address of lawyer Schwahn in (…) way (…), Halle-Döhlau. In between it had turned dark. With the tram I left the city, found the bus station, waited 1/2 hour and took the (line) A to Döhlau-Post, most deserted wilderness. The next 3 people did not know the way. I strayed through this barren deserted hick town, criss-crossing, discovered a man in a drive, who gave me directions. I found the pathway – the most abandoned in all Döhlau. Fog, barely a light, houses far apart from eachother, no sound, puddles, forest around. Oh scary, me in the middle of it. I strayed until (number) 1B, then the world turned black and ended.
At the last light I rang the bell getting a man outside. The path would turn right and then left and then already came the drive of the lawyer. Hence, back into the dark, giant puddles, blackness, blind walking, cracking noises. A hint of a path at the left hand side. I opened my eyes to the fullest extent and fought back tears of despair, ran towards a light. Just in front of the house a violent barking. My god. I raised my hands and didn’t move at all. The dog remained silent. I guessed that he was tied, since he did not come. I shuffled my feed on the ground to make it bark again and force somebody to have a look. It worked. The one who came was laywer Schwahn himself.

He listened and promised to help. Ms (…=mother of Sebastian) just had to sign the certificate of authority. I strayed back through the dark, ran a lot, drove to the city center, to the vigil, searched in vein for the pastor and drove to Haneu. In the meantime, the Little Kathrin (3) had arrived. I saw her for the last time. I still cannot believe it. Should I ever get to the other side (= West Germany), I have to visit her in Kassel, it is not very far from Frankfurt Main. We drank a good-bye vermouth. I called the mother (of Sebastian) again, via G., and C. got her (ADB: she did not have a phone herself). Meanwhile, a 2nd letter had arrived, with a “Speakers Card” (Visiting Allowance for the prison), for the 19th Nov. 1989 – for G. Later more, Leipzig is approaching.

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(1) I will always remember Pastor Hans-Joachim Hanewinckel as one of the most impressive people of the East German Revolution (who ever knows him, please let him know, as well as my respect, my esteem and my thankfulness – I hope I manage to tell him in person one day). He was the heart and soul of the vigil, which was established at 10th Oct. 1989 at St. George Church, after there had been violent attacks of the police and arrests in Halle around the 40th anniversary of the GDR (7th Oct. 1989). Leipzig may be better known as city of the GDR opposition, but also many things happened in its neighbouring city Halle. I recommend the document “Keine Gewalt! Dokument und Interviews. Der revolutionäre Herbst 1989 in Halle an der Saale” by Udo Grashoff. It has a chronological structure, differentiates between national and local events, and in over 100 pages it also contains original Stasi documents and pictures of this time. It is a wonderful historic document. An interview with Hans-Joachim Hanewinckel on the Revolution and the End of the Wall can be read HERE (in German), it also contains a nice series of pictures of the vigil.
(2) Sebastian has another name in real life. A friend of childhood days who was imprisoned in Halle. I had pretended to be his fiancée in order to get writing and visiting rights. There had been protests in early October in that prison too, of which he wanted to inform me in his smuggeled letter. He was caught red handed (see Part 4 of this series) and suffered tightened confinement conditions. With the help of pastor Hanewinckel I wanted to organise legal counsel for him. 
(3) The Little Kathrin was a fellow student of mine. Her husband had fled to the West German embassy in Berlin and left it after he was promised a permission to legally emigrate in the not too distant future. Some months later, he got his permission and left his wife behind. She too, had filed for emigration and eventually got her permission too. Thats why I thought I will never see her again… More about the Little Kathrin in Part 4 of the diary series. Her nick name “Little Kathrin” comes from the fact that we had 4 Kathrins in our student group, these were the “Little Kathrin”, the “Blonde Kathrin”, the “Tall Kathrin”, and the “Wood Kathrin” (who studied wooden design/art).

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This was the 5th part of a small series of diary entries from autumn 1989 in East Germany. Further posts will follow in the next days. Should you want to read more from me about my time in East Germany, you can read my book “Tearing down Walls” (original title “Mauern einreißen!”) which only exists in German so far.
Further Information around the Fall of the Berlin Wall ’89:

For German versions, see HERE.

Teil 5 – Aus meinem Tagebuch vor 25 Jahren – Herbst 1989 DDR (05.11.1989)

“Welch ein Wochenende! In Berlin die größte Demo die es je in dieser Stadt gab, freiwillig 1 Mill auf der Strasse! Direktübertragen auf DDR1, alle Redner ungekürzt, die Aufrufe zum Rücktritt der Regierung, Schmähreden über Krenz und Anhang, Neuwahlen, NF-Zulassung etc. So schöne Transparente, sie sollten für eine Sonderausstellung gesammelt werden. Ein Geschichtsbeleg. Ich wäre gern dort gewesen.”

Meine Tagebuchnotizen vom 05. November 1989. (English Version HERE)
Dies ist Teil 5 aus der Reihe “Aus meinem Tagebuch – vor 25 Jahren – Herbst 1989″, frühere Teile sind am Ende dieses Posts verlinkt, ebenso wie Dokumente, Fotos aus der Zeit und mein Buch “Mauern einreißen”. Es gibt alle Teile auch in englischen Übersetzungen auf meinem Blog. Kürzungen (private Inhalte) sind erkennbar an “(…)”, Erklärungen gibt es in Klammern: (ADB: Erklärung) oder so: (=blabla). Ausführlichere Erklärungen gibt es in Fußnoten.

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den 05.11.89, 10:15, P-Zug Halle-Leipzig, Sonntag
Welch ein Wochenende! In Berlin die größte Demo die es je in dieser Stadt gab, freiwillig 1 Mill auf der Strasse! Direktübertragen auf DDR1 (=DDR Fernsehen) alle Redner ungekürzt, die Aufrufe zum Rücktritt der Regierung, Schmähreden über Krenz und Anhang, Neuwahlen, NF-Zulassung (=Neues Forum) etc. So schöne Transparente, sie sollten für eine Sonderausstellung gesammelt werden. Ein Geschichtsbeleg. Ich wäre gern dort gewesen.
Am Freitag bin ich zuerst nach Ha-Neu, (=Halle Neustadt) von dort zum Superintendenten nach Halle, in der Marktkirche war er nicht, (er war) zu Hause (…). Ein hagerer Mann, kurzfassend und konzentriert. Er hörte zu, ich kämpfte mit den Tränen. Er fragte auch nebensächlich, das beruhigte mich, wie ich zur Kirche stünde, wie wir uns kennengelernt hatten etc., zum Studium. Er rief bei der Mahnwache an und fuhr mit mir im Auto hin, zu Pfarrer Hanewinckel.(1) Das ist die Seele der Georgenkirche, der Mahnwache, ein Mann mit goldener Nickelbrille und wallendem grauen Bart, viel rauchend, wie fast alle dort. Bis in die Nacht ist er dort und hilft jedem. Er ging mit uns in einen Raum, wo wir allein waren, hörte sich alles an und beschloß, zu helfen.

Mahnwache Nov. 1989, Bild: Hans-Joachim Hanewinckel, aus Udo Grashoff "Keine Gewalt! Dokumente und Interviews. Der revolutionäre Herbst 1989 in Halle an der Saale"

Mahnwache an der Georgenkirche in Halle/Saale, Nov. 1989, Bild: Hans-Joachim Hanewinckel, aus Udo Grashoff “Keine Gewalt! Dokumente und Interviews. Der revolutionäre Herbst 1989 in Halle an der Saale”

Er holte einen jungen Mann herein “Mike”, entlassen nach 14 Monaten aus dem Jugendhaus Halle (=Gefängnis) am 10.10.89. Der ist jetzt ein Fall für Amnesty International. Er hörte mir zu und ließ sein Rendezvous platzen, um sich mit mir zu unterhalten. Er hat noch verschiedene Beziehungen zum Jugendhaus und versprach, Montag etwas in Erfahrung zu bringen und mir zu schreiben. Wir wanderten gg. 23:00 nach Ha-Neu, er erzählte seine Geschichte, haarsträubend. Er hatte 1987 einen Ausreiseantrag gestellt, die Stasi mehrfach provoziert (2 Std. sitzen vor dem Brandenburger Tor, langsames Auf- und abfahren davor etc.) Er wurde mehrmals verhört und einmal auf der Fahrt nach Eisenach wegen Verdacht der Republiksflucht im Zug festgenommen. Er wanderte ab für 14 Monate.
Seine Eltern sagten sich los von ihm. Die Bedingungen waren denkbar miserabel, immer eingesperrt, auch bei der Arbeit, er streikte mehrmals, um die Bedingungen zu verbessern. Einmal wurden die vor Dreck stehenden Arbeitssachen 60 Tage nicht gewechselt, es gab Suppe von 1969 und beim Auswickeln des Camembert krochen Würmer heraus… Einmal ging er in Hungerstreik, saß im Arrest. Das Bett wurde nur nachts aufgeschlossen, das Klo war nachts zu. Nach 3 Tagen ohne Essen und Trinken öffnete man ihm das Klo nicht mehr, “wer nicht ißt, braucht sich nicht waschen und braucht auch nicht Zähne putzen”, nach 5 Tagen, als es ihm schon ständig schwarz wurde, kamen sie, legten ihm Schellen mit Ketten an Händen und Füßen, legten ihn auf ein Stahlbett und ernährten ihn per Zwang mit einem Trichter – da gab er auf.

Mahnwache Nov. 1989, Bild: Hans-Joachim Hanewinckel, aus Udo Grashoff "Keine Gewalt! Dokumente und Interviews. Der revolutionäre Herbst 1989 in Halle an der Saale" (S.20)

Mahnwache an der Georgenkirche in Halle/Saale, Nov. 1989, Bild: Hans-Joachim Hanewinckel, aus Udo Grashoff “Keine Gewalt! Dokumente und Interviews. Der revolutionäre Herbst 1989 in Halle an der Saale” (S.20)

Dass es sowas bei uns gibt! Sebastians (2) Name kam ihm bekannt vor, aber sein Gesicht kannte er nicht. Er wird sich kümmern. Am nächsten Morgen rief ich den Rechtsanwalt Frenzel an, der aber würde sich frühestens am 16.11. des Falles annehmen. Ich rief Hanewinckel an, wir versuchten noch 2 andere RA’s zu erreichen. Es wurde Mittag. Ich rief Sebastians Mutter an, wegen neuer Info. Am Vortag waren vom Strafvollzug und von Sebastian je 1 Brief gekommen. Sebastian schreibt, es ginge ihm gut… er hätte einen Brief schmuggeln wollen und wäre dafür disziplinarisch belangt worden. Auf dem Kopf hätte er eine Entzündung, wegen der seine Haare ab mußten. Sebastian als Skinhead… Ein neuer Besuch stand nicht drin.

Auszug aus den Gründungsstatuten der Sozialdemokratischen Partei der DDR - ich habe die Papiere von der Hallenser Veranstaltung mitgenommen

Auszug aus den Gründungsstatuten der Sozialdemokratischen Partei der DDR – ich habe die Papiere von der Hallenser Veranstaltung mitgenommen

Von Hanewinckel gegen 16:00 neue Nachricht. In der Puschkinstrasse, im Haus der jg. Gemeinde wäre gerade SDP-Tagung, hinten säße Dr. Willms mit schwarzem Hemd und beigem Pullover drüber… der wüßte Bescheid und würde mich einem Rechtsanwalt vermitteln. Als ich endlich hinfand, war die Tagung eben zu Ende und Dr. Willms über alle Berge. Bei Pfarrer Körner im Haus rief ich Hanewinckel an. Der gab mir dann die Adresse des RA Schwahn im (…)weg (…), Halle-Döhlau. Es war inzwischen dunkel geworden. Mit der Str(aßen)bahn fuhr ich raus, fand die Bushaltestelle, wartete 1/2 Stunde  und fuhr mit der A bis Döhlau-Post, ödeste Wildnis, die nächsten 3 Leute kannten den Weg nicht. Ich irrte durch das öde menschenleere Nest, kreuz und quer, entdeckte einen Mann in einer Einfahrt, der mir den Weg erklärte. Ich fand den Weg – der verlassenste in ganz Döhlau. Nebel, kaum ein Licht, die Häuser weit auseinander, kein Laut, Pfützen, Wald herum. Oh Grusel, ich mittendrin. Ich irrte bis zur 1B, dann war die Welt schwarz und zu Ende.

Beim letzten Licht bimmelte ich einen Mann heraus. Der Weg würde rechts abbiegen und dann wieder links und dann käme schon die Einfahrt des RA. Also wieder in die Nacht, Riesenpfützen, Schwärze, blindes Gehen, Knistern. Eine Andeutung von Weg linker Hand. Ich riß die Augen auf und kämpfte gegen Verzweiflungstränen, lief auf ein Licht zu. Kurz vor dem Haus ein wütendes Bellen. Herrgott. Ich hob die Hände und rührte mich gar nicht. Der Hund schwieg, ich ahnte, dass er fest lag, weil er nicht kam. Ich scharrte mit dem Fuß, dass er wieder bellte und jemanden zum Nachschauen zwang. Es funktionierte. Der da kam war RA Schwahn selbst.

Er hörte mich an und versprach zu helfen. Nur die Vollmacht müßte Frau (… =Sebastians Mutter) unterschreiben. Ich irrte durchs Dunkel zurück, rannte viel, fuhr ins Zentrum, zur Mahnwache, suchte den Pfarrer vergeblich und fuhr nach Haneu. Die Kleine Kathrin (3) war inzwischen da. Ich sah sie zum letzten Mal. Ich kanns noch nicht fassen. Wenn ich rüber komme, dann muss ich sie in Kassel besuchen, das ist nicht so sehr weit von Frankfurt am Main. Wir haben noch einen Abschiedswermut getrunken. Die Mutter (von Sebastian) rief ich wieder an, über G., C. holte sie (ADB: sie hatte kein eigenes Telefon). Inzwischen war ein 2. Brief eingetroffen, mit Sprecherkarte (=Besuchserlaubnis im Gefängnis) für den 19.11.89 – für G. Später weiter, Leipzig naht.

***

(1) Pfarrer Hans-Joachim Hanewinckel wird mir als eine der eindrucksvollsten Personen der Wendezeit für immer im Gedächtnis bleiben (wer ihn kennt, bitte richtet ihm das aus, sowie meinen Respekt, meine Hochachtung und meine Dankbarkeit – ich hoffe, ich schaffe das auch mal persönlich!). Er war das Herz der Mahnwache, die am 10.10.1989 an der Georgenkirche eingerichtet wurde, nachdem es rund um den 40. DDR Geburtstag (7.10.89) gewalttätige Übergriffe der Polizei und Verhaftungen in Halle gegeben hatte. Leipzig mag als Stadt der DDR Opposition bekannter sein, aber auch in der Nachbarstadt Halle ist damals sehr viel passiert. Ich empfehle das Dokument “Keine Gewalt! Dokument und Interviews. Der revolutionäre Herbst 1989 in Halle an der Saale” von Udo Grashoff. Es ist chronologisch gegliedert, unterscheidet zwischen nationalen und lokalen Ereignissen, und enthält in den über 100 Seiten auch Stasidokumente und Fotos aus der Zeit. Es ist ein wunderbares zeitgeschichtliches Dokument. Ein Interview mit Hans-Joachim Hanewinckel zu Wende und Mauerfall kann man HIER nachlesen (dort gibt es auch eine schöne Fotostrecke von der Mahnwache).
(2) Sebastian heißt eigentlich anders. Ein Freund aus Kindertagen, der in Halle im Gefängnis saß. Ich hatte mich als seine Verlobte ausgegeben, um Schreib- und Besuchsrechte zu erhalten. Es hatte Anfang Oktober auch in der Justizvollzugsanstalt Proteste gegeben, von denen er mir in einem Schmuggelbrief berichten wollte. Er war erwischt worden (siehe dazu auch Teil 4 der Tagebücherserie) und litt unter verschärften Haftbedingungen. Ich wollte mit der Hilfe von Pfarrer Hanewinckel Rechtsbeistand organisieren.
(3) Die Kleine Kathrin war eine Kommilitonin von mir. Ihr Ehemann war in die westdeutsche Botschaft in Ost-Berlin geflohen und verließ sie erst nach dem Versprechen, in absehbarer Zukunft ausreisen zu dürfen. Einige Monate später bekam er die Erlaubnis und mußte seine Frau zurück lassen. Sie hatte ebenfalls einen Ausreiseantrag gestellt und bekam endlich die Bewilligung. Deshalb dachte ich, ich würde sie nie wieder sehen… Mehr über die Kleine Kathrin gibts in Teil 4 dieser Tagebuchserie. Ihr Spitzname “Kleine Kathrin” ist dem Umstand zu verdanken, dass wir 4 Kathrins in unserer Studiengruppe hatten, das waren die “Kleine Kathrin”, die “Blonde Kathrin”, die “Große Kathrin” und die “Holz-Kathrin” (die Holzgestaltung studierte). (Fußnote 3 ergänzt am 30.10.2014)
Dies war der 5. Teil einer kleinen Reihe von Tagebucheinträgen aus dem Herbst 1989. Weitere folgen in den nächsten Tagen. Wer mehr als Tagebücher von mir zu dieser Zeit lesen möchte, dem sei mein Buch ans Herz gelegt.
For english versions, see HERE.
Weitere Informationen rund um die Wende ’89:

English Version Part 4: My Diary from Autumn 1989 – around the Fall of the Berlin Wall – 2nd Nov.1989

“He had written a letter to me, with detailed information about what happened at 5th and 7th Oct. (strikes, hungerstrikes) and in which he had asked me to make it all public. Somebody denunciated him and the letter was found. Now he is in solitary confinement, might face a trial on ‘illegal transmission of messages with subversive/anti-government content'”

This is the English Version, the German version is HERE.
Preface:
This is part 4 of my series “My diary – 25 years ago – Autumn 1989”. Part 1 is a diary entry of 4th October 1989, (English: HERE, German: HERE. There, you will find also a little introduction to this series. Part 2 are diary entries of 6th and 9th Oct. 2014 covering the upheavals around the 40th anniversary of the GDR (English: HERE, German: HERE). Part 3 is the diary entry of 15th Oct. 2014 (English: HERE, German HERE). On my homepage there are many more documents from the time when the Wall fell (LINK) and some pictures of 1989 (LINK) as well as information about my book “Mauern einreißen!” (“Tearing down walls” LINK). However, all these pages are in German…
I took out some parts which are private, you will recognise this at “(…)”, explanations come in brackets with my initials: “(ADB: explanation)” or (= explanation). More detailed explanations will be found in footnotes.

Selbstportrait als Studentin an der Fachschule für Angewandte Kunst Schneeberg, ca. 1989
Selfportrait as a student at the Art School in Schneeberg, app. 1989

Diary 2nd Nov. 89 – 10pm, Thursday, Student Dormitory

I just came back from the citiziens forum Schlema (= small municipality where I lived), after 3.5 hours discussion. It was not overly exciting. In the chairing body only one woman – she wrote the minutes. Young only the representative of the Environment (CDU = Christdemocrates) and the pastor, who spoke most intelligent, with fine irony and accomplished polemics. One of the few, who put the “bananaproblem” into perspective and pointed to more fundamental things. He was applauded. But also the mayor himself spoke good, he could win my vote at the next elections. Sometimes it became apparent that the people are not used to free dispute. Some became abusive and there had been ad hominem, unqualified attacks. Its a shame how shortsighted many people still are. But great how many there have been and how much they engaged.

Everywhere debates take place. Yesterday was the Schneeberg-Forum.

The guy from Radiation Protection was rather embarassing. Everything here to be totally non-dangerous. (1) Some citizens became slightly racist. About the DSF Street (= street where our student homes were) one complained that there was a rehabilitation workshop, a home for foreigners and a workers home for soldiers…instead of appartments for citizens. The FAK (=my Art School) was not mentioned by the lady when listing all evils, most likely only because she sat right behind us. It was a shame. The med doctor replied accordingly. Everywhere debates take place, yesterday there was the Schneeberg-Forum. On Monday, we had decided on the foundation of our student council, 2 representatives for each study year and 1 for Markneukirchen (=offsite campus for artistic music instruments construction), which is T., a guitar maker from the 1st (=study year), good guy and committed. He would rather debate with us instead of with those deadheads. His first deed: Request a foreign language selection by majority vote, or in clear text: English instead of Russian.

Somebody denunciated him and they found the letter. Now he is in solitary confinement. 

Yesterday, I got a letter from Halle, written 2 weeks ago by Sebastian (2) and smuggled outside (=the prison). A week ago, a letter from an unknown woman from Karl-Marx-Stadt, with the advise to use another return address and to write harmless content. Oh my, Sebastian, the letter killed me. He had written a letter to me, with detailed information on what happened (= in the prison) the 5th and 7th Oct. (strikes, hungerstrikes), and in which he had asked me to make it all public. Somebody had denunciated him and they found the letter. Now he is in solitary confinement, might face a trial on ‘illegal transmission of messages with “subversive/anti-government content”, 3 times daily he gets food through a hole in the door, a glimpse of the street through the small window, thats all. He receives nearly no more mail from me. He saw them in their files, my letters. I am writing now very frequently, using various sender addresses, Bertram wants to write him too, I try to express myself harmlessly. Poor Sebastian!

I have asked everybody here whether they know a legal consultant who is trustworthy 

I am now busy trying everything possible to get him out of there. Still yesterday, I wrote a letter to the prison director (3), with the explicit request, to give me as the fiancée information about the reasons of his tightened arrest conditions since I had not received any news for over 8 weeks, or to at least allow for a consultation. They will not be able to get rid of me just like that. They want to take away his allowance to write to my address, prohibit my visits! I have asked everybody here, whether they know a legal consultant who is trustworthy. Eva provided the address of the Superintendent (= of the protestant church) and of a lawyer in Halle, both via her uncle, and he via his ev.-meth. pastor. After a long struggle with telephone technology and the secretary of the lawyer, I have achieved a lot. Tomorrow, I will drive to Halle, outside to Neustadt, to Little Kathrin, who will give me keys (=for her appartment), then drive to Halle center, past 9pm I can talk with the Superintendent.
Brief an den Leiter der Justizvollzugsanstalt Halle, vom 1. Nov. 1989 (handschriftliche Vorlage, abgeschickt wurde eine Schreibmaschinenabschrift)

Everybody is happy about the illusion of success, the “Wende” and the “Progresses” but at the core, nothing has changed. 

At Saturday, I can call the lawyer to make an appointment for that same day. He was most friendly and promised to help, should it be possible. There is solidarity after all, I am so happy! If only Sebastian knew about it! I also have some connections to Berlin, to lawyer Giesinger, he deals with cases of the 7th of October, amongst them Maria. I also asked B. for help, his Bishop-father surely knows somebody. Via Petra I contacted the New Forum, they too may know somebody who can help. I am so excited! Something eventually has to change! Everybody is happy about the illusion of successes, the “Wende” and the “progresses” but at the core absolutely nothing has changed. As if there was excemption from punishment for convictions and political opinions… ha, ha. Solitary confinement, poor Sebastian. I would so much like to help you. (…)

We will see our Little Kathrin the last time tomorrow. She already received her circulation slip and will soon be in Kassel. 

I already received 5 post cards from Padova from Gabriele (=ital. pen friend). (…) We will see our Little Kathrin the last time tomorrow. She already received her circulation slip (4) and will soon be in Kassel (= West Germany). Our third Kathrin will only finish her studies first. Her boyfriend received his slip too. Now its already 3 out of 20 designers. Can we afford this?! In this year, instead of over 100 we only have 40 applicants, a catastrophe. FAK (= Art School) anounced open study places… unthinkable before.
***

beim Naturstudium an der Fachschule für Angewandte Kunst Schneeberg, 1988/1989(1) Our dormitories had been in Schlema, Erzgebirge, an uranium mining area of the Wismut. We were surrounded by radiating mining dumps. They built fundaments out of burden material, the soil was perforated by old cores, out of some of them, radon gas was discharging and irradiating the environment. When I told my father, a medical doctor, that I wanted to study at an Art School in Schneeberg, he told me of the diagnosis “Schneeberg-Lung-Cancer”… a frequent disease of miners in that region. During the political Turnaround in East Germany (=Die Wende), that issue had been often debated. Lateron, radiation had also been measured. In our student homes they measured 2.000 Becquerel. The legal limit in West Germany was 60 Becquerel… Somewhen after the Iron Curtain fell, the Federal Minister for Environment and Nuclear Energy, Klaus Töpfer, came to Schneeberg. That was not much better. He recommended a woman who had 30.000 Becquerel in her home to open her windows more often, to make the Radon gas go away. It was in the middle of a freezing cold winter.

(2) Sebastian has another name in real life. A friend of childhood days who was imprisoned in Halle. I had pretended to be his fiancée in order to get writing and visiting rights. There had been protests in early October in that prison too, of which he wanted to inform me in his smuggeled letter. At that time, I wrote him colourful letters nearly daily and I nummerated them so he could see, how many letters had been censored.

(3) I never received any answer to this letter from the Halle prison. At 22nd Nov. 1989 – in between the Berlin Wall had fallen – I wrote another letter to the prison director. But I did not get any answer on that one neither. The second letter is linked HERE. With the progress of the East German revolution, a few months later, an amnesty had been passed and my friend got free again.

(4) A so called circulation slip (“Laufzettel) was given to those who had requested their official emigration once their request got approved.  With this slip they had to run from authority to authority to get all sorts of confirmations, and eventually, handover their papers, in order to receive the emigration document. 
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This was the 4th part of a small series of diary entries from autumn 1989 in East Germany. Further posts will follow in the next days. Should you want to read more from me about my time in East Germany, you can read my book “Tearing down Walls” (original title “Mauern einreißen!” which only exists in German so far :-().
Further Information around the Fall of the Berlin Wall ’89: