Auch ich bin eine Flüchtlingstochter

Die Initiative #bloggerfuerfluechtlinge hat Blogger*innen dazu aufgerufen, in der Flüchtlingsfrage Stellung zu beziehen, um Deutschland nicht den Rassisten und Menschenfeinden zu überlassen. Sie rief auch dazu auf, für Flüchtlingsprojekte zu spenden – mehr als 15.000 € sind schon zusammengekommen. Ich schließe mich diesem Aufruf gern an, habe schon gespendet und würde mich freuen, wenn noch viele mitmachen und damit ein Zeichen für Menschlichkeit setzen.
Spenden geht einfach über Betterplace: https://www.betterplace.org/de/fundraising-events/bloggerfuerfluechtlingei
Viele Blogger haben in den letzten Tagen und Wochen über ihre eigene Flüchtlingsherkunft geschrieben (z.B. hier und hier und hier). Sie machen damit deutlich, welchen Beitrag Menschen mit Migrationshintergründen leisten – oft ohne, dass ihr Hintergrund bekannt ist. Viele Menschen, die sich Gedanken machen, ob mehr Flüchtlinge ein Problem für unsere Gesellschaft darstellen, haben vielleicht nicht nur keine Ahnung von den tatsächlichen Fakten (Menschen mit Migrationshintergrund zahlen z.B. mehr in unsere Sozialsysteme ein als sie daraus erhalten) sondern schlicht auch keine Vorstellung davon, wie viel Kreativität und Potenzial diese Menschen mitbringen und wie bereichernd das für unser Land ist.
Deshalb hier auch meine Geschichte, die die Geschichte meiner Eltern ist, denn auch ich bin eine Flüchtlingstochter.
Die Vorfahren meiner Mutter verließen zwischen 1815 und 1820 Baden Württemberg und Sachsen, da Zarin Katharina Einwanderern aus Deutschland Land und ein besseres Leben versprach. Gerade unter den Bauern gab es damals sehr viel Armut. Also machten sich meine Vorfahren auf den langen und beschwerlichen Weg nach Russland, an das Schwarze Meer, wo sie in der Gegend von Kishinjow die Region Bessarabien besiedelten – zusammen mit vielen anderen Deutschen, die man heute Wirtschaftsflüchtlinge nennen würde, denn verfolgt wurden sie in der Heimat nicht. Sie wollten einfach ein besseres Leben für sich und ihre Familien. Aber so einfach war es dann doch nicht. Allein der Weg dorthin dauerte aufgrund schwieriger Umstände für einige der Auswanderer mehrere Jahre und kostete viele Menschenleben. Vor Ort war auch alles schwerer als erwartet. Die erste Generation deutscher Einwanderer wurde nicht alt, mein ausgewanderter Ur-Ur-Großvater Gottlob Weise starb mit 42, seine Frau Anna Gross im Alter von 43 Jahren.
Sie überstanden Mißernten, Überschwemmungen, Erdbeben und immer wieder auch einen Wechsel der staatlichen Zugehörigkeit (Bessarabien war mal russisch, mal unabhängig, mal rumänisch, dann wieder russisch. Heute gehört ein Teil zur Ukraine, ein anderer zu Moldawien). Man lebte daher vielsprachig, baute kleine Städte und Gemeinden auf und trieb Handel weit über die Grenzen Bessarabiens hinaus.

Meine Mutter als Baby, 1935, in Bessarabien mit ihren Eltern und dem älteren Bruder Kuno

Meine Mutter als Baby, 1935, in Bessarabien mit ihren Eltern und dem älteren Bruder Kuno


Dort, in der kleinen Stadt Tarutino, Kreis Akkerman, wurde meine Mutter 1935 geboren. Sie hat mir sehr oft von Bessarabien erzählt, obwohl sie schon als 5-jährige ihre Heimat verlassen mußte. Der 2. Weltkrieg tobte seit Jahren. Dem Hitler-Stalin-Pakt folgend, wurde Bessarabien von seinen deutschen Siedlern geräumt, alle Häuser, Weinberge, Tiere, Schulen, Fabriken und Scheunen zurückgelassen. Meine Mutter floh mit zwei Brüdern und meinen Großeltern „heim ins Reich“, und landete nach zweijähriger Odysee über Auffanglager im Clausthal-Cellerfeld (Harz) und Hagenbüchach (Bayern) 1940 in Bromberg, dem heutigen Bydgoszcz, in Polen.  
Der Familie wurde als Wohnort ein Gutshaus zugewiesen, aus dem vorher Polen vertrieben worden waren. Als selbst Vertriebene fanden sie das schlimm, denn sie konnten deren Leid sehr gut nachvollziehen. Eine Wahl hatten sie jedoch nicht, denn eine andere Wohnalternative gab es für sie nicht. Aber der Krieg kam bekanntlich auch dorthin, so hieß es im bitterkalten Januar 1945, kurz nach ihrem 10. Geburtstag, wieder nur das Allernötigste einpacken und als erneut Vertriebene eine dritte Heimat weiter westlich zu suchen. So kam meine Mutter erst nach Mecklenburg-Vorpommern, nach Friedrichshof bei Bützow, und ihre Familie später – noch vor dem Mauerbau – wieder nach Baden-Württemberg, wo sehr viele Verwandte aus Bessarabien Zuflucht in der Gegend ihrer Vorfahren gefunden hatten. Meine Oma und mein Opa sind daher in Stuttgart begraben. Zur Zeit des Mauerbaus studierte meine Mutter in Leipzig, diesem Zufall ist es zu verdanken, dass sie als einziges Mitglied ihrer ausgedehnten Familie in der DDR lebte.
Meine Mutter und ihre Familie wenige Jahre nach der Flucht in Friedrichshof, Mecklenburg-Vorpommern

Meine Mutter und ihre Familie wenige Jahre nach der Flucht in Friedrichshof, Mecklenburg-Vorpommern


Dort traf sie 1965 meinen Vater, der ebenfalls eine Flüchtlingsgeschichte hat. Mein Vater heißt Wolfgang Domscheit- Domscheit ist ein typisch ostpreussischer Name. Er hat eigentlich litauische Wurzeln und bedeutet „Sohn des Thomas“. Vielleicht ist er verwandt mit dem ostpreussischen Maler Franz Domscheit, ein Deutsch-Litauer, der sich auf litauisch Pranas Domšaitis nannte. Er war ein seinerzeit anerkannter Expressionist, Schüler von Lovis Corinth und arbeite mit Künstlern wie Emil Nolde zusammen. Für die Nazis waren seine Werke „entartete Kunst“, er floh aus Nazideutschland nach Österreich und von dort nach Südafrika, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Vielleicht ist die Namensgleichheit zufällig, wir werden es wohl nie erfahren, denn der Krieg hat alle Dokumente vernichtet.  Mein Vater wurde 1934 in Königsberg als zweites von vier Kindern geboren. Er verbrachte dort 10 Jahre seines Lebens und hat sehr lebhafte Erinnerungen an diese Zeit.

Meiner Vater in der 1. Klasse in Königsberg, Ostpreussen – mit seiner Schiefertafel


Der Vater kämpfte irgendwo, die junge Mutter mit vier Kindern wurde im Umland der Stadt, in Abschwangen (Tischino) in Sicherheit gebracht, als sich die Warnungen vor Bombenangriffen mehrten. Von dort sahen sie alle miteinander entsetzt, wie sich ihre Heimatstadt in der Ferne durch massive Bombenangriffe Ende August 1944 in ein Feuermeer verwandelte. Die Front rückte außerdem immer näher, die junge Familie mußte fliehen – eine 31 jährige Frau mit Kindern im Alter zwischen 5 und 11 Jahren.
Meine Großmutter mit ihren vier kleinen Kindern noch in Königsberg - 1941

Meine Großmutter mit ihren vier kleinen Kindern noch in Königsberg – 1941


Mein Vater hat mir viel von der Flucht und den Strapazen erzählt, vom Hunger und von den seltsamen Gerichten, die man zubereitete, weil es nichts anderes gab. Einige davon hat er uns später als Kindern mal gekocht, damit wir uns besser vorstellen konnten, wie es für ihn war. Den Mehlpamps (Mehl in heißes Wasser aufgekocht) hat er für uns zwar mit Butter und Zucker verfeinert, aber eklig blieb es doch. Auch den Spinat aus Brennesseln fand ich nur mäßig lecker. Die Flucht durch Kriegsgebiete war beschwerlich und gefährlich. Es ist eine ungeheure Leistung und wohl auch eine ordentliche Portion Glück, dass alle fünf überlebten. Sie landeten in der späteren sowjetischen Besatzungszone, als Vertriebene ohne Heimat. Ich wuchs auf mit den Geschichten meiner Eltern über Krieg, Flucht und Vertreibung, über die Trauer nach der verlorenen Heimat, über Hunger, Leid und Elend. Meine Eltern haben beide aus ihrer Geschichte vor allem viel Emphatie für das Leid Dritter geschöpft. Beide sind außerdem ausgeprägte Pazifisten. Meine Mama ist im Mai gestorben – hätte sie noch erlebt, was heute Flüchtlingen in Deutschland mancherorts an Hass entgegenschlägt, sie hätte sich furchtbar aufgeregt.
Aber meine Eltern haben mir mehr mitgegeben als (zugegeben spannende) Gruselgeschichten und eine ebenfalls ausgeprägt pazifistische Überzeugung. So wuchs ich zwar in Brandenburg auf, aber mit einem Vater, der die besten Königsberger Klopse der Welt kochen konnte und einer Mutter, deren Küche eine sehr leckere Mischung aus Schwarzmeer- und Schwabenküche umfaßte und wo es mal einen russischen Borschtsch oder Ikra (einen Brei aus gerösteten Auberginen) gab oder eben Spätzle, Dampfnudeln und Apfelstrudel (da macht meine Schwester den besten, durch ihren dünnen,  handgezogenen Teig konnte man Zeitung lesen!). An Heiligabend gab es immer den roten Kartoffelsalat, der Möhren und Rote Beete enthielt und den heute Gäste auf meinen Parties sehr schätzen.
mit meiner Familie 1975 in Brandenburg (ein Bruder ist nicht im Bild, ich bin die kleinste, ganz links)

mit meiner Familie 1975 in Brandenburg (ein Bruder ist nicht im Bild, ich bin die kleinste, ganz links)


Meine Mutter hat ihre alte Heimat nie wieder gesehen. Mein Vater ist vor wenigen Jahren das erste mal wieder in Königsberg – heute Kaliningrad gewesen. Viel steht nicht mehr von dem, was Königsberg einmal ausmachte, aber er erkennt noch Vieles und es bleibt die Stätte seiner Kindheit.
Mein Vater wurde erst Stellmacher, besuchte dann in der DDR die Arbeiter und Bauern Fakultät, um Abitur zu machen und studierte anschließend Medizin. Er wurde Arzt und praktizierte bis weit über sein 70. Lebensjahr hinaus. Meine Mutter war Sängerin und Kunsthistorikerin, sie schrieb mehrere Bücher. Beide hatten es schwer in ihrer Kindheit und Jugend. Beide mußten ihr Land verlassen und tausende Kilometer entfernt ein neues Leben beginnen. Beide haben auch Ablehnung als Flüchtlinge aus dem Osten kennengelernt aber auch viel Hilfsbereitschaft. Wenn sie nicht die Chance auf einen Neuanfang gehabt hätten, wären sie sich nie begegnet und mich würde es gar nicht geben. Für mich war es also im engsten Sinne des Wortes existenziell, dass meine Eltern als Flüchtlinge eine Zukunftsperspektive bekamen.
Ich kann das alles nicht vergessen, wenn heute wieder Flüchtlinge vor Krieg und Terror, vor Hunger und Elend Zuflucht in unserem großen und reichen Land suchen. Ich erinnere mich, wie ich als Kind meinen Vater erschrecken sah, wenn die Sirene einmal heulte oder ein Tiefflieger der NVA plötzlich über unser Haus donnerte. Ich konnte die Angst in seinen Augen sehen, die Angst, die er als Kind ausstand, wenn Bomber mit ihrer Todesladung im Anflug waren. Flüchtlinge aus Syrien haben den gleichen Terror erlebt, Todesangst ausgestanden und einen gefährlichen Fluchtweg hinter sich. Ich möchte, dass sie hier wieder Vertrauen und Sicherheit finden, ihre Angst überwinden und für sich und ihre Kinder ein Leben aufbauen können, das ihre kulturellen Wurzeln mit den vielfältigen Wurzeln unserer Gesellschaft vereint – vielleicht ja auch in Form von Kochgewohnheiten, die das Leckerste aus Syrien oder Afghanistan mit unserer Küche kombinieren.
Vielleicht ladet Ihr ja einfach mal ein paar Flüchtlinge zu Euch ein und kocht gemeinsam etwas Feines – jede*r ihr/sein Lieblingsgericht – und dann eßt Ihr es gemeinsam auf und erzählt Euch nebenbei Geschichten. Flüchtlinge sind nicht einfach nur Zahlen in der Tagesschau, es sind Menschen mit persönlicher Historie, mit Vorlieben und Leidenschaften, mit Interessen und Abneigungen. Gebt Euch die Chance, diese Menschen persönlich und vorurteilsfrei kennenzulernen und ihnen die Chance, eine andere Seite von Deutschland zu erfahren, als die düstere und Angst machende, die aktuell die Nachrichten beherrscht. Helft mit, Ihnen den Neuanfang nicht schwerer zu machen, als er ohnehin schon ist. Es gibt so viele Wege, Flüchtlingen hier bei uns zu helfen. Haltet Augen und Ohren und vor allem Euer Herz offen, dann werdet Ihr einen passenden Weg der Hilfe finden. Und solltet Ihr einfach so gar keine Zeit dafür haben – ganz oben im Text ist ja noch der Link zum Spenden 🙂 – jede noch so kleine Summe hilft und den Link weiter verbreiten, hilft auch.
Und bitte, stellt Euch jedem entgegen, der mit blindem Rassismus Flüchtlinge beleidigt, bedroht, oder angreift. Ich bin überzeugt davon, dass sich deshalb so viele Rassisten aus ihren Löchern trauen und ihre widerlichen Gewaltphantasien in die Tat umsetzen, weil sie glauben, dass sie damit die Meinung der (schweigenden) Mehrheit vertreten. Schweigen wir NIE, wenn wir so etwas miterleben und demonstrieren wir klar und deutlich, dass Rechtsextremismus keinen Platz in Deutschland hat und schon erst recht keinerlei Mehrheitsunterstützung. Der sogenannte „wehrhafte Staat“ besteht ja nicht nur aus Staatsanwaltschaft und Polizei, sondern aus uns allen, die wir Demokratie und Grundrechte nur gemeinsam erfolgreich verteidigen können.
Ein herzliches Dankeschön an alle, die sich auf welche Weise auch immer für Flüchtlinge engagieren und dem dumpfen Hass echte Menschlichkeit entgegensetzen!
Als Bonus (und weil ich sowieso dauernd danach gefragt werde) gibts hier das Rezept Bessarabischer Roter Kartoffelsalat:

  • Kartoffeln (schälen, kochen, würfeln)
  • Zwiebeln (schälen, würfeln)
  • Gewürzgurken (reichlich!, am besten die echten Spreewälder, würfeln, auch 2-3 Esslöffel von der Brühe zum Salat geben)
  • Möhren (schälen, im Ganzen bißfest kochen, würfeln)
  • Rote Beete (ich nehme die eingeschweißte vorgekochte Variante, Saft in die Salatschüssel geben – für mehr rote Farbe, Beete würfeln)
  • Mayonnaise (nicht zu viel)
  • Salz und frisch gemahlener Pfeffer (der Salat frißt recht viel Salz und v.a. Pfeffer)

Alles mischen, ziehen lassen, abschmecken, fertig. Am nächsten Tag schmeckt er noch besser. Mengenangaben kann ich nicht gut machen, ich messe da nie etwas und ich mache ohnehin immer Riesenportionen (z.B. 1 Sack Kartoffeln, 1 Beutel Biomöhren, 1-2 Pakete Rote Beete, ca. 10 Gewürzgurken – je nach Größe, 3 große Zwiebeln, ein paar Eßlöffel Salz-Pfeffer Mischung). Auf das Gramm kommt es nicht an, der Salat schmeckt eh immer lecker.

Update: Eine großartige Hilfsidee machen ReBuy, DRK und Hermes möglich: Ihr packt ein Paket mit Kinderkleidung, Kinderbüchern und/oder Spielzeug, druckt einen kostenfreien Versandaufkleber aus (hier: https://www.rebuy.de/s/drk-spendenaktion), bringt das Paket zum nächsten Hermes Paketshop und der liefert das Paket an das DRK, wo die Verteilung an Flüchtlinge übernommen wird. Einfacher geht helfen wirklich nicht!

 

Jahresrückblick – für mich selbst

Immer wenn es wieder einmal Dezember wird, frage ich mich, wie ein Jahr denn schon wieder so schnell vergehen konnte und was ich denn so damit angestellt habe. Dieser Jahresrückblick ist daher keine Auswertung dessen, was in der übrigen Welt so passiert ist, sondern mein ganz persönlicher Rückblick auf dieses 2014 und meine Arbeit in dieser Zeit.
Ich habe viel geschrieben, zum Beispiel ein Buch.
Im Januar 2014 kam mein erstes Buch in die Welt: „Mauern einreißen! Weil ich glaube, dass wir die Welt verändern können.“ Es erschien bei Heyne, hatte Vorabdrucke in Die ZEIT und der FAZ, wurde in vielen Medien freundlich besprochen (siehe HIER für einen Überblick) und bescherte mir Lesungen in der ganzen Republik, die stets von lebendigen Debatten gefolgt wurden. Meine gelernte Erfahrung: ich kann gut vorlesen und sowohl ich als auch das Publikum haben etwas davon. In dem Buch geht es um diverse einzureißende Mauern, es kommt auch die deutsch-deutsche Mauer darin vor, die ich noch als Studentin in der DDR erlebt habe. Weil durch die Kombination aus Überwachungsskandal (NSA, BND und so weiter) und Mauerfall-Jubiläum das Interesse an den „Alten Zeiten“ hoch war, habe ich auch viele originale Unterlagen aus der Wende in der DDR hochgeladen.
Ich habe auch vor einem Vierteljahrhundert schon viel geschrieben – Tagebücher, Resolutionen, Manifeste…
Im Oktober / November 2014 habe ich meine alten Tagebuchnotizen des heißen Herbst 1989 veröffentlicht.  Aufgrund des hohen internationalen Interesses habe ich sie auch ins englische übersetzt. Diese Reihe an Veröffentlichungen hatte 7 Teile, sie sind alle im ersten Beitrag dazu verlinkt – deutsche Fassung HIER und englische Fassung HIER.
Obwohl ich das Buchschreiben als insgesamt anstrengenden Prozess empfunden habe (das Schreiben geht schnell, aber das Kürzen und Überarbeiten ist die Hölle!), habe ich es nicht lassen können und gleich ein zweites Buch  hinterher geschrieben. Das hat mich den ganzen Sommer und Herbst 2014 beschäftigt. Mein zweites Buch heißt „Ein bisschen gleich ist nicht genug. Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind.“ und wird Anfang März 2015 ebenfalls bei Heyne erscheinen. Ich glaube, jetzt brauche ich aber doch eine Pause vom Bücher-schreiben.
Man nennt mich jetzt häufiger Publizistin, wohl weil ich öfter mal was schreibe, was man dann veröffentlicht lesen kann, hier einige Artikel, die in 2014 erschienen:

Als unverbesserliche Missionarin ihrer Ideen und Überzeugungen schreibe ich nicht nur, ich rede und debattiere auch viel, im Radio, auf Konferenzen, in Talkshows, hier ein kleiner Überblick über ein paar Termine aus 2014 (Aufzeichnungen finden sich in der Regel auf YouTube):

  • Markus Lanz (09.07.2014) – Thema Überwachung, Freiheit versus Sicherheit, gemeinsam mit meinem Mann Daniel
  • Maybrit Illner (17.07.2014) – Thema Überwachung, NSA, BND, u.a. mit Altmaier und Konstantin v. Notz
  • Maybrit Illner (11.09.2014) – Thema Shareconomy, Internet – u.a. mit Jeremy Rifkin
  • Münchner Runde (04.11.2014) – Thema 25 Jahre Mauerfall
  • Anne Will (05.11.2014) – Thema Bodo Ramelow und Thüringen – ein Linker MP – ist Deutschland schon so weit? (offenbar JA)

Gefühlt habe ich eine zillion Interviews gegeben, zu allen möglichen Themen, hier und da erschienen auch Portraits von mir, hier mal eine Auswahl:

Auch international gab es viel Nachfrage, vor allem rund um das Mauerfalljubiläum, hier ein paar davon:

Das Mauerfall-Jubiläum hat mich emotional sehr aufgewühlt, so viele Erinnerungen kamen hoch (siehe die Tagebücher und Originaldokumente). Gleichzeitig wurde durch das allgemeine und positive Gedenken an den Mauerfall die Widersprüchlichkeit noch krasser zwischen der Glorifizierung von „Fluchthelfern“ in der DDR Zeit und der Kriminalisierung von „Schleusern“, die in der Gegenwart Menschen auf der Flucht dabei helfen, die kranken Grenzanlagen rund um Europa (sie kosten Milliarden Euro!) zu überwinden. Ich habe mir dazu etwas von der Seele geschrieben, als mein Mann an einer Aktion des Zentrums für politische Schönheit teilnahm, um die Europäischen Außengrenzen einzureißen.
Ja und dann gab es noch die Piraten… kurz vor dem 04. Januar 2014 ließ ich mich dazu überreden, mich als Kandidatin der Piratenpartei für die Europawahlen anzubieten – auf dem Aufstellungsparteitag am 4.1. in Bochum wurde ich dann auf Platz 3 der Piraten-Europaliste gewählt. Es folgten wilde Wahlkampfmonate. Eigentlich war ich vom Bundestagswahlkampf noch ganz platt, da war ich erst ein paar Monate vorher auf Listenplatz 2 in Brandenburg als Kandidatin angetreten. Ich war außerdem Landesvorsitzende der Piratenpartei in Brandenburg, was auch eine Menge Arbeit bedeutete. Am 23.5.2014 war dann auch nicht nur die Europawahl sondern auch Kommunalwahl in Brandenburg. Der Wahlkampf war aufregend, ausbrennend, gleichzeitig er- und entmutigend. Ich kam überall in Deutschland herum, hatte auch beim Flauschwahlplakat-Guerillastricken an all meinen Wahlkampforten viel Spaß, lernte jede Menge großartiger Pirat*innen kennen aber auch Widerstand, Angriffe, #keinhandschlag Vertreter*innen und anderes, das mich sehr frustrierte. Die Wahlen waren leider nicht sehr erfolgreich, aber immerhin zog mit Julia Reda eine Piratin in das Europaparlament, die dort schon jetzt einen beeindruckenden Job macht. Für sie hat sich jede Minute Wahlkampfstress schon gelohnt.  Dennoch entwickelte sich die Piratenpartei als Ganzes in Deutschland in eine für mich nicht mehr erträgliche Richtung, deshalb bin ich im September 2014 ausgetreten und habe 2,5 Jahre Piratendasein für mich beendet. Meine Gründe habe ich HIER erklärt.
Das war mein Jahr im Schnelldurchlauf. Ich habe ganz sicher viel vergessen, für Bilder reicht die Zeit jetzt auch nicht mehr (vielleicht füge ich sie später ein), denn ich bin auf dem Sprung zum letzten Highlight in diesem Jahr – dem 31. Kongress des Chaos Computer Clubs: #31C3. Auf dem weltgrößten Hackerkongress werden sich dieses Jahr über 8.000 Menschen treffen, über Überwachung, Selbstschutz, 3D Drucker, Copyright, Informationsfreiheit, TTIP und vieles andere diskutieren. Ich freue mich darauf, dort wieder Freunde von überall her zu treffen und dort auch wieder eine Guerillastrickaktion zu machen, zum 4. mal in Folge (HIER kann man ein paar Bilder vom 29C3 sehen).
Ach ja, die Kunst – auch dieses Jahr habe ich wieder Umwelt verschönert, nach dem Spitzenbaum in Himmelpfort gab es dieses Jahr einen Spitzenbaum in Fürstenberg/Havel. Dazu folgt ganz bestimmt bald ein Bild!
 

English Version Part 7: My Diary from Autumn 1989 – My First Time in the WEST – 13th Nov.1989

„It was so unbelievable, you pass through it as if yesterday, there had not been a death field with mines, electric barbed wires and and and, everybody passed by, just like that, it was totally normal. The reception war equally indescribable. Total strangers hugged each other. Westberliners clapped, everybody laughed and cried. Never in my life I will forget this.“
This is the English Version, the German version is HERE.
My Diary notes of 13th November 1989
This is part 7 of my series „My diary – 25 years ago – Autumn 1989“. Earlier parts are linked at the end of this post, as well as documents, old fotographs, and my book „Mauern einreißen!“ („Tearing down walls“ LINK). However, except for the diary parts, all the other pages are in German… I took out some parts which are private, you will recognise this at „(…)“, explanations come in brackets with my initials: „(ADB: explanation)“ or (= explanation). More detailed explanations will be found in footnotes (numbers in brackets) at the end of this post.

***

Today is the 13th Nov 89, 11:15, Main Station on Monday
I still don’t get it, one hour ago I sat down in the S-Bahn Charlottenburg…coming from Riki (1) where I lived a weekend. Such a full one, crazy, indescribable, God, give me words to express the extent of emotions – impossible. Trying?

So eine Zählkarte hatte ich noch für den Grenzübertritt am 11.11.1989 ausfüllen müssen, sehen wollte sie aber dann doch keiner mehr an der Grenze...

Such a „Counting Card“ I had to fill in to cross the border at 11th Nov. 89, however, nobody ever wanted to see it at the actual border

After the sadness on Thursday, washing on Friday morning (2), U. comes into the bath and is beaming – well, what are you saying to our victory? – I did’t know anything, then he talks about the Wall-atrophy… I run to the radio and hear it myself, everybody is allowed to go to the West, just like they want. Unfathomable. With G. I ran immediately to the Police and in 1 hour, we had our Visa. (3) This day was over. Not a bit Design done. Breakfast celebrated with G., one little Liquor was drunken. Called home and sent the parents to the police. Skipped History of Art (-lesson) and drove home. Riki had already gone home. Saturday morning by car off to the new border crossing Bernauerstrasse – Brunnenstrasse, the father pushed his way through, we stood 1 hour, the queue was endless, but it moved forward all the time. Just holding your ID card up. Around us, broken walls, construction workers, border personnel. I was beaming at one of them – they too are happy now, in spite of the stress.
zaehlkarte-RS

On top of the Wall sat West-Berliner youngsters, clapping their hands and waving, I was tearing up too. Everywhere those Westberliners, laughing, waving, uncountable TV teams (maybe M. saw me?). A woman was giving away Nimm-2 sweets, another one roses, white and red, Kaiser (=super market chain) distributed Kaiser-Coffee and chocolate – we looked for a bus and then drove by S-Bahn to Riki. We arrived at lunch time. What a turmoil, so many people. Even the buses are much nicer, the Wall is so colourful, „sauer macht lustig, Mauer macht frustig“ (=literally translated: „sour makes you happy, wall frustrates you“), funny slogans everywhere. Riki lives in front of the Aztec (=jewellery shop), in the Hektorstreet, close to the Ku’damm, very close. A nice old buildings corner, 4th floor, giant windows (in the entire quarter), view over the roof tops, beautiful. A bright, uncomplicated appartment, adorable. Amazing pictures, 2 cats…nice. Son Emil with long hair, 20 years old, a to-be-percussionist. I had a room just for me. My parents went back home at night. Before, we (me on my own) strolled the Ku’damm up and down. I met Simone G. (=class mate) in the Ku-eck in an Indian shop – the world is small (…) Müncheberg (=my home and school town) is everywhere.

Genau an dieser Stelle - direkt hinter dem Brandenburger Tor - war ich mit meiner Mutter auf die Mauer geklettert. Ein unvergesslicher Moment in einer euphorischen Menge. Magie eines Augenblicks. Foto: Wikipedia Commons, Link: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Thefalloftheberlinwall1989.JPG, Autor unbekannt, Reproduktion: Lear 21 von einer Fotodokumentationswand des Berliner Senats

Right at this place – directly behind the Brandenburg Gate – I stood with my mother on top of the Wall. An unforgettable moment in an europhoric mass of people. A magical moment. Pic: Wikipedia Commons, Link: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Thefalloftheberlinwall1989.JPG, Author unknown, Reproduction: Lear 21 from a public foto documentary wall of the Berlin Senate

At 6pm we met at Riki’s place and had dinner at an Italian, at the street which is the prolongation of the Strasse des 17. Juni. The waiters were running, with red aprons, the food was heaven, the Chianti rosso was great and quite strong. The father had calamari (in rings), Riki and my mother had a giant pasta plate with fillings, mushrooms and sauces. I had a pizza calzone with mushrooms, cheese and ham. Starters were fennel, filled pepper, olives, pickled trout (fantastic), artichokes, somehow treated tomatoe (unidentifiable) (4), filled mushrooms, heavenly. I thought I would burst, it felt pity for every bit leftover. We ate everybody from everything, the pasta was the best of all. The waiters whizzed and were beaming. Once we had been replaced at another table, it was so busy there. Riki invited us. Unforgettable everything. Viva la vita, viva l’amore – the waiter when I said something about moving to another table: „that brings life into the house“, so amazing, everything.
When we were leaving, the restaurant owner stopped us at the exit, whether we would not want an amaretto or the likes as a good-bye drink – we were easily convinced, lead to the back of the restaurant and the owner treated everyone of us to a drink, a sambucco for me (anis, lighted, fine and sweet), amaretto for the father, champaign for the mother. The boss was thrilled to have us, he had only slept 2 hours, went at 3am after work to the Wall to watch (5). Everything was so funny. I look forward to the Italian G. (=pen friend, he had invited me).
Time was flying. The parents went home, I was studying maps with Riki. M. lives north of New York, not too far. Boston is not far neither. Riki’s son will soon be half a year in Hollywood, at school, thats in California. I look so much forward to travelling! Padua (= where my pen friend lived) is very close to Venice – a dream! In Amsterdam, I even found the Helmerstraat of Wiel (=dutch pen friend), a long street. Amsterdam makes a decent impression. I slept like an angel and only dreamt of Italians, waiters who were running in the courtyard, serving. (…) I wanted to get to Leipzig already yesterday. I will just come today, hopefully they (=my friends) are still there. I will still make it to the demo (=THE mondays demo). Tonight we want to celebrate. (…). I will now go to Schoeneweide, surely have some more time there.

***

(1) This is the westberliner documentary film maker Riki Kalbe, a friend of my mother, with whom we enjoyed a close friendship. She documented the changes around the Potsdamer Platz after the Fall of the Wall with fotographs. Riki was affectionate and had a great sense of humour, but she died in 2002 far too early, after already her son Emil, a talented musician, had died at age 30. My memories of the Fall of the Wall in 1989 will forever be connected with Riki and her contagious laughter, her hospitality and with inner pictures e.g. of fotographs she had taken and turned into post cards, or maps which hang at her walls in her appartment, or of the small kitchen, in which beautiful ceramics piled up and where we enjoyed turkish coffee and red wine.

Unser alter Waschraum im Wohnheim der Fachschule für Angewandte Kunst in Ober-Schlema/Erzgebirge

Our old wash room at the dormitory of the Art School in Ober-Schlema/Erzgebirge

(2) There was a common wash room in our student dormitory, a wooden barack. I meant this – unisex – wash room in my diary. It was, however, no more the old wash room, which you see at the picture above, but a new one, with real tiles at the walls and tiled shower cabins, not a steel-sheet cabin like the one we had in my earlier study years (where you see a fellow student stepping out).
(3) In the news they said that you need a stamp from the police, hence we went to the registration office, which belonged to the Police to get this type of visa. We also got a „Counting Card“, which I filled in but which nobody ever wanted to see when I passed the border to the West.
(4)  My very first italian meal….even until today the most delicious italian food I ever tasted. Maybe also because of the circumstances, but it really was heavenly. I described the food with so much detail, because none of them were available in East Germany. No Calamary, no filled mushrooms. And I had no idea how dried tomatoes look, thats why I described them as „unidentifiable“.
(5)  Only at our leaving the restaurant owner noticed that we had been coming from the East and had had our first western meal. Thats why he invited us in again, to celebrate together. It was a magic moment of joint happiness.

***

This is my last post of the series „my diary 25 years ago“, as a bonus, below a postcard,which I wrote a few days after the Fall of the Wall to a friend in West Germany. She gave it back to me years later with some other letters from this time, as a memory, and I am very thankful she did!

Dear Elisabeth,               – 19th Nov.1989, Schlema
before I sneak into my bed, some few lines. Firstly, many thanks for the Havel-article, maybe nowadays nothing is disappearing anymore? You surely heard what happens here at our side, its coming thick and fast. The euphoria was big. Already at the 10th of November (=it was actually the 11th) we sat in the car to be witnesses in Berlin of the unimaginable to be the truth. Funnily, I wandered through the former Wall, freshly broken through, at exactly 11:11 o’clock. I cannot describe emotions, absolutely impossible. Like many others I fought back my tears.

It was so unbelievable, you pass through it as if yesterday, there had not been a death field with mines, electric barbed wires and and and, everybody passed by, just like that, it was totally normal. The reception war equally indescribable. Total strangers hugged each other. Westberliners clapped, everybody laughed and cried. Never in my life I will forget this. Hopefully, it was not too early, I fear an economic catastrophe. In W-Berlin they have already exchange rates of 1:20, what will happen to our GDR-Mark? Hopefully we get over the winter. Apropos, you invited me so often, I would really like to come. I only have time off in December, than again in summer. Would it be possible between 27th and 30th Dec.? If you already have visitors or prefer to be on your own at this time of the year, I of course understand. I would drive in the night and arrive in the morning in FFM. It would be so nice. All the best and greetings to all,
Anke

This was the 7th and last part of my little series of diary entries of the revolutionary autumn 1989. Should you want to read more from me about my time in East Germany, you can read my book „Tearing down Walls“ (original title „Mauern einreißen!“) which only exists in German so far.
Further Information around the Fall of the Berlin Wall ’89:

For German versions, see HERE.

English Version Part 6: My Diary from Autumn 1989 – The Berlin Wall is falling – 09th Nov.1989


„Today, today several hours ago the news – border of the GDR opened! Emigration within 24 hours, private trips from today onwards with just 1-2 weeks notice possible. Unbelievable. Big joy? Big sadness, incomprehensible? – Every hour 3.500 emigrants, every hour!! Alas, they all leave us.“

This is the English Version, the German version is HERE.
My Diary notes of 9th November 1989
This is part 6 of my series „My diary – 25 years ago – Autumn 1989“. Earlier parts are linked at the end of this post, as well as documents, old fotographs, and my book „Mauern einreißen!“ („Tearing down walls“ LINK). However, except for the diary parts, all the other pages are in German… I took out some parts which are private, you will recognise this at „(…)“, explanations come in brackets with my initials: „(ADB: explanation)“ or (= explanation). More detailed explanations will be found in footnotes (numbers in brackets) at the end of this post.

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9th Nov. 89 – 0:15, student dormitory, Friday
Brother lost? (1) Today, today several hours ago the news – border of the GDR opened! Emigration within 24 hours, (and) private trips from today onwards with just 1-2 weeks notice possible.

My diary entry from the 9th Nov. 1989

Unbelievable. Big joy? Big sadness (2), incomprehensible? – Every hour 3.500 emigrants, every hour!! Alas, all leave us. Is Kuno (=my brother) still here after all? The (people from the) Demokratischer Aufbruch (= oppositional group (3)) went to the border crossings and tried to convince people to stay here. Everybody leaves, in masses, everything breaks down. Continuously new resignations (4), everything is coming thick and fast.

At this radio recorder I heard and taped the news on the East German border at the evening of 9th Nov. 1989

At this radio recorder I heard and taped the news on the East German border at the evening of 9th Nov. 1989

New Year in Italy? (5) How is Sebastian? (6) Such news and he there, inside (=the prison), important times. Historic times. Berlin demonstration of millions unforgettable. Banner slogans contemporary documents. Next to me, Cesar is purring, our 3rd dormitory cat, next to Susi and Detlef. K. is like exchanged, so kind. Ach. We will request a 6 months study interruption to work in the production. We already volunteered to help out in health care as temps. In KMST (=Karl-Marx-Stadt, today City of Chemnitz) they want to “try” to keep up the Dispensaire-care, the DMH (DMH = Dringliche Medizinische Hilfe = emergency care) and the intensive care, all the rest is gravely underserved, the staff barely ever has time off. Will it help to ease the situation for the doctors? Working in a company or an old-age home – good for the people, true, earning some money at the same time for travels. In the summer to the US? Can I afford the passage? M. invites me, such a kind soul! Visiting France? Mediterranean Sea, the Netherlands, all people (=means my friends (7)), Tunisia, Luanda, where to get the vacation days from, where the money?? I have a longing to (go) everywhere, but to come back.
Anke

***

(1) My brother had filed for emigration and as I already wrote earlier in my diary, I feared to never see him again should he get his emigration approved. Hence the news meant for me something important: my brother is NOT lost, regardless of him emigrating or not, I will be able to see him again!

Selbstportrait, entstanden am 11.09.1989 unter dem Eindruck von Grenzöffnung und Massenflucht

Self portrait, painted with ink at the evening of 9th Nov. 1989 under the impression of the East German border opening and the immediate mass emigration

(2) That with the „big sadness“ today, only few people will understand, but it was indeed like that. I had very ambivalent feelings. The alternative of which I had dreamt, „The Third Way“ of a democratic socialism, which I and many other oppositionals imagined, had all of a sudden become obsolete with the Fall of the Wall. It was apparent that no more masses will go marching in the streets for this goal. Besides this, the news also told of an emigration-tsunami, with an immediately starting mass flight which concerned me a lot. Thats why I was not only happy but also sad at this evening. We had not only fought for freedom of travels but for a bigger whole. When I heard the news of the border opening, I had been drawing self portraits for the subject Life Drawing. My ambivalent emotions are easy to recognize in these pictures, painted with reed pen and ink. They are not very beautiful … but impressive.  
(3) The Demokratische Aufbruch (DA) was one of the many oppositional groups in the GDR. It only existed from Oct. 1989 until August 1990 and is mainly known for its personnel issues. Within the GDR opposition, the DA was a rather conservative stream. Its press speaker was e.g. Angela Merkel (yes, its her). Its last president Rainer Eppelmann had not only a seat at the Round Table in Berlin but also became a Minister in the first freely elected government in East Germany in 1990. Rather famous AND notorious was the first president of the DA, Wolfgang Schnur, a lawyer, whos telephone number I also got when I was seeking legal assistance for my friend Sebastian. I called this number many times but since I was lucky, nobody ever picked up. It turned out later, that Schnur was a long time Stasi spy and diligently reported on the inner circles of the opposition. This cost him his job as president of the Demokratischer Aufbruch and made the post available for Rainer Eppelmann. In August 1990, the Demokratischer Aufbruch ceased to exist as an independent party and fusioned with the East-CDU (christian democrates party), which in October 1990 fusioned with the West German CDU. Thats how Angela Merkel came from the Demokratischer Aufbruch to the CDU, her first step towards the Chancellerie…

So signierte ich die 6-7 Selbstportraits auf der Rückseite, die am 09. Nov. 1989 entstanden

This is the signature at the back of the 6-7 self portraits I created at 9th Nov. 1989, the two words mean: „Mass Flight“ and „Border Opening“

(4) The most important resignation was of course that of Erich Honecker, the president of the Staatsrat, at 18th Oct. 1989, further members of the Politbuerau followed. The culmination point of the bacchanal of resignations was the step down of Erich Mielke, Chief of the Stasi, at 7th Nov. 1989, together with the government around Willi Stoph (president of the Ministers Council). At the next day, the 8th Nov. 1989, the remaining members of the Politbureau of the Central Committee of the SED party resigned. Unforgettable is the (last?) appearance of Erich Mielke in the GDR Volkskammer-Parliament, where he declared in front of laughing MPs (and the rest of the world) that he loved them all… „Yes, I love, I DO love all… all people… I do love…“ The tears are tripping me… (Video – german – on  YouTube).

Screen Shot 2014-11-02 at 18.11.08

(5) I had a pen friend in Italy who had invited me many times to visit him in Padua. Now, a visit seemed possible. 
(6) Sebastian has another name in real life. A friend of childhood days who was imprisoned in Halle. I had pretended to be his fiancée in order to get writing and visiting rights. There had been protests in early October in that prison too, of which he wanted to inform me in his smuggeled letter. He was caught red handed (see Part 4 and 5 of this series) and suffered tightened confinement conditions.

(7) In all these countries I had pen-friends. I had many such letter-based-contacts, since for me, this was a kind of travelling and an option for a cultural and language exchange. When all of a sudden we were granted free movement, my head was buzzling with all opportunities. I had so many potential invitations, so many access points, so many potential travel destinations, that I started to pragmatically consider where to go and where to take the time and money from in order to actually do it. With this, I realised for the first time, that freedom to move is in itself only a theoretical possibility (to start with). My next summer holiday brought me indeed with a Trabbi (=Trabant, small and typical East German car) to the french Normandie and with PanAm (a big airline at that time) to the USA, to my friend M. With her, I drove by car from Massachussets through 11 Federal States, down to Tennessee to her bread-baking uncle. On our way back we marvelled at the Niagara Falls, I visited Boston and New York City. There, I saw the first homeless people in my life, right at the bus station, amongst them younger women, sleeping on card boards. This image haunted me for a long time.

***

This was the 6th part of a small series of diary entries from autumn 1989 in East Germany. Further posts will follow in the next days. Should you want to read more from me about my time in East Germany, you can read my book „Tearing down Walls“ (original title „Mauern einreißen!“) which only exists in German so far.
Further Information around the Fall of the Berlin Wall ’89:

For German versions, see HERE.

Teil 7 – Aus meinem Tagebuch vor 25 Jahren – mein erstes Mal im Westen – 13.11.1989

„Gefühle kann ich nicht beschreiben, ist absolut unmöglich. Ich hab wie viele mit den Tränen gekämpft. Es war so unglaublich, man geht da durch, als wäre es nicht gestern noch ein Todesfeld mit Minen, ein Stromstacheldraht und und und, alle gingen durch, nur so, es war völlig normal. Der Empfang war ebenso unbeschreiblich. Wildfremde Menschen umarmten sich. Westberliner klatschten, alles lachte und heulte. Nie im Leben vergeß ich das.“

Meine Tagebuchnotizen vom 13. November 1989. (English Version coming soon!)

Dies ist Teil 7 aus der Reihe “Aus meinem Tagebuch – vor 25 Jahren – Herbst 1989″, frühere Teile sind am Ende dieses Posts verlinkt, ebenso wie Dokumente, Fotos aus der Zeit und mein Buch „Mauern einreißen“. Es gibt alle Teile auch in englischen Übersetzungen auf meinem Blog. Kürzungen (private Inhalte) sind erkennbar an “(…)”, Erklärungen gibt es in Klammern: (ADB: Erklärung) oder so: (=blabla). Ausführlichere Erklärungen gibt es in Fußnoten.

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Heute ist der 13.11.89, 11:15, Hauptbahnhof am Montag
Ich faß es noch gar nicht, vor 1 Stunde genau setzte ich mich in die S-Bahn-Charlottenburg… kam von der Riki (1), wo ich ein Wochenende gelebt hatte. Ein so volles. Wahnsinn, unbeschreiblich, Herr Gott, gib mir Worte, das Maß an Emotion auszudrücken – unmöglich. Versuchen?

So eine Zählkarte hatte ich noch für den Grenzübertritt am 11.11.1989 ausfüllen müssen, sehen wollte sie aber dann doch keiner mehr an der Grenze…

Nach der Trauer am Donnerstag – waschen Freitag früh (2). U. kommt ins Bad und strahlt – na, was sagst Du zu unserem Sieg? – Ich wußte nichts, da redet er von Mauerschwund… Ich renne zum Radio und höre es selbst, jeder darf rüber wie er will. Unfaßbar. Ich bin mit Gundi gleich zur Polizei und in 1 Std. hatten wir das Visum. (3) Der Tag war gelaufen. Kein Fatz Entwurf gemacht. Frühstück (mit) Gundel gefeiert, ein Likörchen getrunken. Angerufen zu Hause und die Eltern zur Polizei geschickt. Kunstgeschichte geschwänzt und heim gefahren. Riki war schon weg. Am Samstag früh mit Auto los zum neuen Übergang Bernauerstrasse-Brunnenstrasse, der Vater drängelte sich rein, wir standen 1 Stunde, die Schlange war endlos, es ging ständig vorwärts. Nur Ausweis hochhalten. Ringsherum aufgebrochene Mauern, Bauarbeiter, Grenzer. Ich strahlte einen an – auch die freuen sich jetzt, trotz Streß.
zaehlkarte-RSAuf der Mauer saßen Westberliner Jugendliche, klatschten und winkten, mir standen auch Tränen in den Augen. Überall die Westberliner, lachen, winkend, x-Fernsehteams (vielleicht sah mich M…?) Eine Frau verteilte Nimm-2, andere Rosen, weiß und rot, Kaiser verteilte Kaiserkaffee und Schokolade – wir suchten einen Bus und fuhren dann per SBahn zur Riki. Mittags waren wir da. Ein Taumel, so viele Leute. Schon die Busse sind viel schöner, die Mauer so bunt, “sauer macht lustig, Mauer macht frustig” – schöne Sprüche überall. Riki wohnt gegenüber vom Azteken (=Schmuckladen), in der Hektorstr. (…), neben dem Kudamm, ganz dicht. Eine schöne Altbauecke, 4. Stock, Riesenfenster (im ganzen Viertel), Blick auf die Dächer, wunderschön. Helle, unkomplizierte Wohnung, liebenswert. Tolle Fotos, 2 Katzen… schön. Sohn Emil mit langen Lohden, 20. Jahre, zukünftiger Schlagzeuger. Ich hatte ein Zimmer für mich ganz allein. Die Eltern fuhren nachts zurück. Vorher sind wir (ich allein) den Kudamm auf und ab gebummelt. Hab im Ku-eck im Indienladen die Simone G. (=Schulkameradin) getroffen – die Welt ist klein, (…) Müncheberg (=Heimat- und Schulort) ist überall.

Genau an dieser Stelle - direkt hinter dem Brandenburger Tor - war ich mit meiner Mutter auf die Mauer geklettert. Ein unvergesslicher Moment in einer euphorischen Menge. Magie eines Augenblicks. Foto: Wikipedia Commons, Link: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Thefalloftheberlinwall1989.JPG, Autor unbekannt, Reproduktion: Lear 21 von einer Fotodokumentationswand des Berliner Senats

Genau an dieser Stelle – direkt hinter dem Brandenburger Tor – war ich mit meiner Mutter auf die Mauer geklettert. Ein unvergesslicher Moment in einer euphorischen Menge. Magie eines Augenblicks. Foto: Wikipedia Commons, Link: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Thefalloftheberlinwall1989.JPG, Autor unbekannt, Reproduktion: Lear 21 von einer Fotodokumentationswand des Berliner Senats

Um 18:00 haben wir uns bei Riki getroffen und beim Italiener gegessen, auf der Strasse, die in die des 17. Juni übergeht. Die Kellner rannten, mit roten Schürzen, das Essen war göttlich, der Chianti rosso wunderbar und ziemlich stark. Der Vater aß Calamari (in Ringen), Riki und die Meuder (=Spitzname meiner Mutter) eine Riesennudelplatte mit Füllungen, Pilzen und Saucen. Ich hatte eine Calzonepizza mit Pilzen, Käse und Schinken. Vorspeise war Fenchel, gefüllte Paprika, Oliven, eingelegte Forelle (super), Artischocke, irgendwie bearbeitete Tomate (unkenntlich)(4), gefüllte Pilze etc., göttlich. Ich dachte, ich muß platzen, es tat leid um jeden Rest. Wir aßen jeder von jedem, die Nudeln waren das beste dabei. Die Kellner flitzten und strahlten. Wir wurden einmal an einen anderen Tisch platziert, es war so viel Betrieb dort. Riki hatte uns eingeladen. Unvergeßlich alles. Viva la vita viva l’amore – der Kellner auf meine Umzugsbemerkung: “das bringt doch Leben in die Bude”, so toll alles.
Als wir gingen hielt uns der Restaurantchef vor der Tür an, ob wir nicht zum Abschied noch einen Amaretto oder dergleichen – wir waren schnell überredet, nach hinten geführt und bekamen jeder vom Chef was spendiert, einen Sambucco für mich (Anis, angezündet, fein und süß), Amaretto für den Vater, Sekt für die Meuder. Der Chef freute sich über uns, hatte nur 2 St. geschlafen, war nachts um 3:00 nach der Arbeit noch zur Mauer gewandert um zuzuschauen. (5) Alles war so lustig, ich freue mich schon sehr auf den Italiener, G. (=Brieffreund, er hatte mich eingeladen).
Die Zeit verrennt. Die Eltern fuhren dann heim, ich schaute mit Riki noch Landkarten an, M. wohnt nördlich von New York, gar nicht so weit. Boston ist auch in der Nähe. Riki’s Sohn ist bald ein halbes Jahr in Hollywood, zur Schule, das ist auch in Californien. Ich freue mich so auf die Reise! Padua (=wo mein Brieffreund wohnte) ist ganz dicht bei Venedig – ein Traum! In Amsterdam habe ich sogar die Helmerstraat von Wiel (=holländischer Brieffreund) entdeckt, eine lange Straße. Amsterdam macht einen feinen Eindruck. Geschlafen habe ich wie ein Engel und nur von Italienern geträumt, Kellnern die auf dem Hof herumrannten und servierten. (…) Ich wollte ja schon gestern abend nach Leipzig kommen, komme ich eben heute, hoffentlich sind sie (=meine Freunde) noch da. Zur Demo (=Montagsdemo) schaffe ich es noch. Heute abend wollen wir feten. (…) Ich werde jetzt nach Schöneweide fahren, da ist bestimmt auch noch Zeit.

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(1) Die Rede ist von der westberliner Dokumentarfilmerin Riki Kalbe, eine Freundin meiner Mutter, mit der uns eine enge Freundschaft verband. Sie hat fotographisch u.a. die Veränderungen rund um den Potsdamer Platz nach dem Mauerfall begleitet. Sie war herzlich und humorvoll aber ist leider 2002 viel zu früh gestorben, nach dem schon ihr Sohn Emil, ein begabter Musiker, mit nur 30 Jahren gestorben war. Meine Erinnerungen an den Mauerfall 1989 sind für immer mit Riki und ihrem herzlichen Lachen verbunden, mit ihrer Gastfreundschaft und den inneren Bildern z.B. von Postkartenfotos aus ihrer Kamera, Landkarten, die in ihrer Wohnung an den Wänden hingen, von der kleinen Küche, in der sich schöne Keramik stapelte und in der wir türkischen Kaffee und Rotwein tranken.

Unser alter Waschraum im Wohnheim der Fachschule für Angewandte Kunst in Ober-Schlema/Erzgebirge

Unser alter Waschraum im Wohnheim der Fachschule für Angewandte Kunst in Ober-Schlema/Erzgebirge (Foto: Kathrin Roth-Wagner)

(2) Es gab einen gemeinsamen Waschraum im Studentenwohnheim, einer Holzbaracke. Von diesem (unisex) Waschraum ist die Rede…Es war allerdings nicht mehr der alte Waschraum, wie hier abgebildet, sondern ein neuer, mit richtigen Fliesen an der Wand und gekachelten Duschkabinen, nicht mit so einer aus Blech wie in meinen ersten Studienjahren.
(3) In den Nachrichten hieß es noch, dass man einen Stempel von der Polizei braucht, deshalb sind wir zur Meldestelle, die zur Polizei gehörte und haben uns dieses Visum besorgt. Auch eine Zählkarte bekamen wir, die ich noch ausfüllt hatte, aber die niemand an der Grenze mehr sehen wollte.
(4) Mein allererstes italienisches Essen… bis auf den heutigen Tag das leckerste italienische Essen, dass ich je gegessen habe. Bestimmt auch wegen der Umstände, aber es war einfach auch himmlisch. Ich beschrieb das alles so genau, weil es alle diese Speisen so in der DDR nicht gegeben hatte. Weder Calamari noch gefüllte Pilze. Und wie getrocknete Tomaten aussehen, wußte ich auch nicht, daher beschrieb ich ihre Bearbeitung als “unkenntlich”.
(5) Erst beim Herausgehen hatte der Restaurantbesitzer mitbekommen, dass wir Ossis und bei unserem ersten West-Essen waren. Deshalb lotste er uns wieder hinein, um gemeinsam zu feiern. Es war ein magischer Moment des gemeinschaftlichen Glücks.

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Dies ist mein letzter Beitrag aus der Serie „Mein Tagebuch vor 25 Jahren“, als Bonus gibt es noch eine Postkarte, die ich wenige Tage nach dem Mauerfall an eine Freundin in Westdeutschland schrieb. Sie gab sie mir Jahre später mit anderen Briefen aus der Wendezeit zurück, als Erinnerung, und ich bin dafür sehr dankbar!

Liebe Elisabeth,               – 19.11.1989, Schlema

bevor ich ins Bett verschwinde, noch schnell ein paar Zeilen. Zuerst lieben Dank für den Havel-Artikel, vielleicht verschwindet heute wirklich nichts mehr? Ihr hört sicher, was so alles los ist bei uns, es überschlägt sich. Die Euphorie war groß. Gleich am 10.11. haben wir uns ins Auto gesetzt, um uns in Berlin von der Wahrheit des Unvorstellbaren zu überzeugen. Ich bin ulkigerweise just 11:11 Uhr durch die ehemalige Mauer – frisch durchgebrochen gewandert. Gefühle kann ich nicht beschreiben, ist absolut unmöglich. Ich hab wie viele mit den Tränen gekämpft.

Es war so unglaublich, man geht da durch, als wäre es nicht gestern noch ein Todesfeld mit Minen, ein Stromstacheldraht und und und, alle gingen durch, nur so, es war völlig normal. Der Empfang war ebenso unbeschreiblich. Wildfremde Menschen umarmten sich. Westberliner klatschten, alles lachte und heulte. Nie im Leben vergeß ich das. Hoffentlich war es trotz allem nicht zu früh, ich fürchte eine ökonomische Katastrophe. In W-Berlin tauscht man schon 1:20, was soll da aus der DDR-Mark werden? Hoffentlich kommen wir über den Winter. Apropos, so oft habt Ihr mich schon eingeladen, da würde ich so gern wirklich kommen. Ich habe nur im Dezember frei, sonst erst im Sommer. Wäre es vom 27.-30.12. möglich? Wenn Ihr schon Besuch habt, oder um diese Zeit lieber unter Euch seid, versteh ich das natürlich. Ich würde nachts fahren und vormittags ankommen in FFM. Es wäre so schön. Alles Liebe und Grüße an alle,

Anke

Dies war der 7. und letzte Teil einer kleinen Reihe von Tagebucheinträgen aus dem Herbst 1989.  Wer mehr als Tagebücher von mir zu dieser Zeit lesen möchte, dem sei mein Buch ans Herz gelegt.

For english versions, see HERE.
Weitere Informationen rund um die Wende ’89:

Teil 6 – Aus meinem Tagebuch vor 25 Jahren – Die Mauer fällt – 9.Nov.1989


„Heute – heute vor Stunden die Nachrichten – Grenze der DDR geöffnet! Ausreisen innerhalb von 24 Stunden, Privatreisen ab sofort bei 1 Wo – 2 Wo. Anmeldung möglich. Unglaublich. Große Freude? Große Trauer, unbegreiflich? – Je Stunde 3.500 Ausreiser, je Stunde!! Oh je, alle verlassen uns.“


Meine Tagebuchnotizen vom 09. November 1989. (English version HERE!)

Dies ist Teil 6 aus der Reihe “Aus meinem Tagebuch – vor 25 Jahren – Herbst 1989″, frühere Teile sind am Ende dieses Posts verlinkt, ebenso wie Dokumente, Fotos aus der Zeit und mein Buch „Mauern einreißen“. Es gibt alle Teile auch in englischen Übersetzungen auf meinem Blog. Kürzungen (private Inhalte) sind erkennbar an “(…)”, Erklärungen gibt es in Klammern: (ADB: Erklärung) oder so: (=blabla). Ausführlichere Erklärungen gibt es in Fußnoten.

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09.11.89 – 0:15, WH, FREITAG
Bruder verloren? (1) Heute – heute vor Stunden die Nachrichten – Grenze der DDR geöffnet! Ausreisen innerhalb von 24 Stunden, Privatreisen ab sofort bei 1 Wo – 2 Wo. Anmeldung möglich.

Unglaublich. Große Freude? Große Trauer (2), unbegreiflich?  – Je Stunde 3.500 Ausreiser, je Stunde!! Oh je, alle verlassen uns. Ist Kuno (= mein Bruder) überhaupt noch da? Der Demokratische Aufbruch (3) hat sich vor dem Übergang hingestellt und Leute versucht, zum hierbleiben zu bewegen. Alles geht, zu so vielen, alles bricht zusammen. Ständig neue Rücktritte, (4) alles überschlägt sich.

Auf diesem Radiorecorder habe ich am 9.11.1989 die Nachrichten von der Grenzöffnung verfolgt

Auf diesem Radiorecorder habe ich am 9.11.1989 die Nachrichten von der Grenzöffnung verfolgt

Neujahr in Italien? (5) Wie geht es Sebastian? (6) Solche Nachrichten und er da drin (= Gefängnis), wichtige Zeit. Zeitgeschichte. Berliner Millionendemo unvergesslich, Plakatsprüche Zeitdokumente. Neben mir schnurrt Cäsar, unsere 3. WH Katze, neben Susi und Detlef. K. wie ausgewechselt, so lieb. Ach ja. Wir werden eine 6 Mon. Studienunterbrechung beantragen, um in der Prod. zu arbeiten. Fürs Gesundheitswesen haben wir uns jetzt schon zur Aushilfe gemeldet. In KMST (=Karl Marx Stadt, heute Chemnitz) will man “versuchen”, die Dispensairebetreuung, die DMH (=Dringliche Medizinische Hilfe) und die Intensivtherapie aufrecht  zu erhalten… der Rest liegt brach, frei haben sie dort kaum. Wird das die allg. Lage der Ärzte verbessern helfen? Arbeit im Betrieb oder Altersheim – gut für den Menschen, wahr, nebenbei Geld für Reisen verdienen. Im Sommer nach Amerika? Kann ich die Überfahrt bezahlen? M. lädt mich ein, eine so liebe Seele. Frankreich besuchen? Mittelmeer, Holland, alle Leute, (7) Tunesien, Luanda, woher Urlaub, woher Geld?? Ich habe Sehnucht, überallhin, um wiederzukommen.
Anke.

***

(1) Mein Bruder hatte die Ausreise beantragt und wie ich früher in mein Tagebuch schon schrieb, fürchtete ich bei einer Ausreise, dass ich ihn nie wieder sehen würde. Bei den Nachrichten war mir also eine der wichtigsten Erkenntnisse: Mein Bruder ist nicht verloren, egal, ob er nun ausreist oder nicht, ich werde ihn wieder sehen können :-).

Selbstportrait, entstanden am 09.11.1989 unter dem Eindruck von Grenzöffnung und Massenflucht

Selbstportrait, entstanden am 09.11.1989 unter dem Eindruck von Grenzöffnung und Massenflucht

(2) Das mit der „großen Trauer“ versteht heute wohl kaum jemand mehr, aber so war es tatsächlich, ich hatte sehr ambivalente Gefühle. Die Alternative von der ich träumte, der Dritte Weg eines demokratischen Sozialismus, der mir und anderen Oppositionellen damals vorschwebte, war mit der Maueröffnung schlagartig obsolet geworden. Es war sonnenscheinklar, dass nun keine Massen mehr dafür auf die Straße gehen werden. Außerdem gab es gleichzeitig die Nachricht eines Ausreise-Tsunamis und die sofort einsetzende Massenflucht machte mir große Sorgen. Deshalb war ich eben nicht nur froh sondern auch traurig an jenem Abend. Wir hatten nicht nur für Reisefreiheit gekämpft sondern für ein großes Ganzes. Als ich die Nachrichten von der Grenzöffnung hörte, zeichnete ich gerade für das Fach Naturstudium Selbstportraits. Meine ambivalente Gefühlswelt ist in diesen grob mit Rohrfeder und Tusche gezeichneten Bildern gut erkennbar. Schön sind sie nicht geworden…aber eindringlich.

(3) Der Demokratische Aufbruch (DA) war eine der zahlreichen oppositionellen Gruppen der DDR. Sie existierte nur von Oktober 1989 bis August 1990 und ist vor allem durch Personalien bekannt. Innerhalb der DDR Opposition war der DA eine konservativere Strömung, seine Pressesprecherin war z.B. Angela Merkel, sein letzter Vorsitzender Rainer Eppelmann saß nicht nur am Runden Tisch in Berlin sondern wurde auch Minister in der ersten frei gewählten Regierung der DDR 1990. Eher berühmt berüchtigt war der zuerst als Vorsitzende amtierende Wolfgang Schnur, ein Rechtsanwalt, dessen Telefonnummer ich auch erhalten hatte, als ich Hilfe für meinen Freund Sebastian suchte. Ich habe diese Nummer vielfach angerufen aber zum Glück hob nie jemand ab. Es stellte sich nämlich heraus, dass Schnur langjähriger Stasispitzel war und insbesondere aus dem Inneren der Opposition fleißig berichtet hatte. Das kostete ihn dann auch den Job als Vorsitzender beim Demokratischen Aufbruch und machte damit den Posten frei für Rainer Eppelmann. Im August 1990 beendete der Demokratische Aufbruch seine Existenz als eigenständige Partei und schloss sich der DDR- CDU an, die wiederum im Oktober mit der West-CDU fusionierte. Und so kam Angela Merkel vom Demokratischen Aufbruch zur CDU, der erste Schritt in Richtung Kanzlerinnenamt.

So signierte ich die 6-7 Selbstportraits auf der Rückseite, die am 09. Nov. 1989 entstanden

So signierte ich die 6-7 Selbstportraits auf der Rückseite, die am 09. Nov. 1989 entstanden

(4) Der wichtigste Rücktritt war natürlich der von Erich Honecker, dem Staatsratsvorsitzenden, am 18.10.89, weitere Mitglieder des Politbüros folgten. Ein Kulminationspunkt in der Rücktrittsorgie war jedoch der Abgang von Erich Mielke, Chef der Staatssicherheit, am 7.11.89 – zusammen mit der Regierung Willi Stoph (Vorsitzender des Ministerrates). Am nächsten Tag, dem 8.11.89, trat das verbliebene Politbüro des ZK der SED zurück. Unvergessen sein (letzter?) Auftritt in der DDR Volkskammer, wo er den lachenden Abgeordneten und dem Rest der Welt erklärte, dass er sie doch alle liebe… „Ja, ich liebe, ich liebe doch alle… alle Menschen… ich liebe doch…“. Mir kommen die Tränen. (Video auf YouTube)

Screen Shot 2014-11-02 at 18.11.08

(5) Ich hatte einen Brieffreund in Italien, der mich schon oft eingeladen hatte zu sich nach Padua. Nun schien ein Besuch auf einmal möglich…

(6) Sebastian heißt eigentlich anders. Ein Freund aus Kindertagen, der in Halle im Gefängnis saß. Ich hatte mich als seine Verlobte ausgegeben, um Schreib- und Besuchsrechte zu erhalten. Es hatte Anfang Oktober auch in der Justizvollzugsanstalt Proteste gegeben, von denen er mir in einem Schmuggelbrief berichten wollte. Er war erwischt worden (siehe dazu auch Teil 4 und 5 der Tagebücherserie) und litt unter verschärften Haftbedingungen.

Ausschnitt aus einem der 6-7 Selbstportraits, die am 9.11.89 entstanden

(7) In all diesen Ländern hatte ich Brieffreundschaften. Ich pflegte viele solche Briefkontakte, da es auch eine Art des Reisens war und  ein sprachlich-kultureller Austausch. Als auf einmal Reisefreiheit herrschte, schwirrte mir der Kopf voller Möglichkeiten. Ich hatte so viele potenzielle Einladungen, so viele Anlaufpunkte, so viele mögliche Reiseziele, dass ich ganz pragmatisch anfing zu überlegen, wo ich denn nun hinfahre, und wo ich die Zeit und das Geld dafür bekomme. Ich begriff erst dadurch, dass Reisefreiheit erst einmal nur eine theoretische Möglichkeit ist. Mein folgender Sommerurlaub führte mich aber dann tatsächlich mit dem Trabbi nach Frankreich in die Normandie und mit PanAm (das war früher mal eine recht große Airline) in die USA zu meiner Freundin M. Mit ihr fuhr ich per Auto von Massachusetts durch 11 Bundesstaaten, bis nach Tennessee zu ihrem brotbackenden Onkel. Auf dem Rückweg bestaunten wir die Niagarafälle, ich besuchte Boston und New York City. Dort sah ich die ersten Obdachlosen gleich am Busbahnhof, darunter jüngere Frauen, die auf Pappen schliefen. Ich wurde diesen Anblick sehr lange nicht mehr los…

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Dies war der 6. Teil einer kleinen Reihe von Tagebucheinträgen aus dem Herbst 1989. Weitere folgen in den nächsten Tagen. Wer mehr als Tagebücher von mir zu dieser Zeit lesen möchte, dem sei mein Buch ans Herz gelegt.
For english versions, see HERE.
Weitere Informationen rund um die Wende ’89:

 

English Version Part 5: My Diary from Autumn 1989 – around the Fall of the Berlin Wall – 05th Nov.1989

„What a weekend! In Berlin the biggest demonstration which ever took place in this city, voluntarily 1 mio in the streets! Directly reported at DDR1, all speakers uncensored, the calls for the government to step down, diatribes on Krenz and the likes, new elections, legal permission of NF etc. So beautiful banners, they should be collected for a special exhibition. A historic record. I would have loved to be there.“

This is the English Version, the German version is HERE.
My Diary notes of 5th November 1989
This is part 5 of my series „My diary – 25 years ago – Autumn 1989“. Earlier parts are linked at the end of this post, as well as documents, old fotographs, and my book „Mauern einreißen!“ („Tearing down walls“ LINK). However, except for the diary parts, all the other pages are in German… I took out some parts which are private, you will recognise this at „(…)“, explanations come in brackets with my initials: „(ADB: explanation)“ or (= explanation). More detailed explanations will be found in footnotes.

***

5th Nov.89, 10:15 am, P-Zug (=train) Halle-Leipzig, Sunday
What a weekend! In Berlin the biggest demonstration which ever took place in this city, voluntarily 1 mio in the streets! Directly reported at DDR1 (= nr 1 GDR TV channel), all speakers uncensored, the calls for the government to step down, diatribes on Krenz and the likes, new elections, legal permit for NF (=New Forum, oppositional group) etc. So beautiful banners, they should be collected for a special exhibition. A historic record. I would have loved to be there.
On Friday, I went first to Ha-Neu (= District Halle Neustadt), from there to the Superintendent in the City of Halle. He wasn’t in the Market Church, but at home (…). A skinny man, speaking condensely, concentrated. He listened, I fought back my tears. He was casually asking, what comforted me, how I stood towards the church, how we got to know each other (=me and my friend in prison), on my studies. He called the vigil and drove me there with his car, to pastor Hanewinckel (1). He is the soul of the St. George Church, (and) of the vigil, a man with golden metal rimmed glasses and an undulating grey beard, heavily smoking, like nearly all others there. Until deep in the night he is there and helps everybody. He went with us into a room where we were alone, listened to everything and decided to help.

Mahnwache Nov. 1989, Bild: Hans-Joachim Hanewinckel, aus Udo Grashoff "Keine Gewalt! Dokumente und Interviews. Der revolutionäre Herbst 1989 in Halle an der Saale"

Vigil St. George Church, Halle/Saale, Oct./Nov. 1989, Pic: Hans-Joachim Hanewinckel, aus Udo Grashoff „Keine Gewalt! Dokumente und Interviews. Der revolutionäre Herbst 1989 in Halle an der Saale“

He brought a young man into the room, „Mike“, discharged after 14 months in the juvenil prison Halle at 10th Oct. 89. He is now a case for Amnesty International. He listened to me and than skipped his date to talk with me instead. He still has some contacts to the juvenile prison and promised to get to know something on Monday and to let me know in writing. We walked at app. 11pm to Ha-Neu, he told me his story, hairraising. In 1987, he had filed a request for emigration, provoked the Stasi various times (2 hours sitting in front of the Brandenburg Gate, slow driving up and down in front of it, etc.). He had been interrogated several times and once, on a trip to Eisenach, he was arrested in the train on suspected illegal emigration (=“Republikflucht“). He was put behind bars for 14 months.
His parents dissociated themselves from him. The conditions had been most miserable, always locked in, even during work hours. Various times, he went on strike to improve conditions. Once, their working clothes – standing for dirt – (= German expression) had not been changed for 60 days, they got soup from 1969 and when they unwrapped a camembert, worms crawled out… Once he went into hunger strike, sitting in confinement. The bed was only locked open during the night, the lavatory was locked in the night. After 3 days without eating and drinking they didn’t open the lavatory anymore, „who is not eating, has no need to wash or brush teeth“. After 5 days, when already everything went black most of the time, they came, attached chains with shackels at his hands and feet, put him onto a steel bed and forcefed him with a funnel – then he gave in.

Mahnwache Nov. 1989, Bild: Hans-Joachim Hanewinckel, aus Udo Grashoff "Keine Gewalt! Dokumente und Interviews. Der revolutionäre Herbst 1989 in Halle an der Saale" (S.20)

Vigil St. George Church, Halle/Saale, Oct./Nov. 1989, Pic: Hans-Joachim Hanewinckel, aus Udo Grashoff „Keine Gewalt! Dokumente und Interviews. Der revolutionäre Herbst 1989 in Halle an der Saale“

That something like this exists here! The name Sebastian (2) seemed to ring a bell, but he could not remember his face. He will take care of it. The next morning I called laywer Frenzel, who could not engage in the case before 16th Nov. I called Hanewinckel, we tried to reach 2 other lawyers. It became noon. I called Sebastians mother, for new info. The day before, a letter had come each from the prison and from Sebastian. Sebastian wrote that he is well… he had tried to smuggle a letter and was being punished by disciplinary measures. He had an infection on his head, therefore, his hair had to go. Sebastian as a skinhead… Nothing about a new visit.

Auszug aus den Gründungsstatuten der Sozialdemokratischen Partei der DDR - ich habe die Papiere von der Hallenser Veranstaltung mitgenommen

Snippit from the founding statutes of the Social Democract Party of the GDR – I brought the document from their event in Halle

Around 4pm a new message from Hanewinckel. In Puschkinstreet, in the House of the Junge Gemeinde (=youth branch of the parish), a SDP (=Social Democrat Party of the GDR, founded early Oct. 1989) event was taking place right now, in the back (of the room), a Dr. Willms would sit, in a black shirt and a beige jumper on top of it… he was informed and would bring me into contact with a lawyer. When I eventually found the place, the event had just ended and Dr. Willms was miles away. From the house of pastor Körner I called Hanewinckel. He gave me the address of lawyer Schwahn in (…) way (…), Halle-Döhlau. In between it had turned dark. With the tram I left the city, found the bus station, waited 1/2 hour and took the (line) A to Döhlau-Post, most deserted wilderness. The next 3 people did not know the way. I strayed through this barren deserted hick town, criss-crossing, discovered a man in a drive, who gave me directions. I found the pathway – the most abandoned in all Döhlau. Fog, barely a light, houses far apart from eachother, no sound, puddles, forest around. Oh scary, me in the middle of it. I strayed until (number) 1B, then the world turned black and ended.
At the last light I rang the bell getting a man outside. The path would turn right and then left and then already came the drive of the lawyer. Hence, back into the dark, giant puddles, blackness, blind walking, cracking noises. A hint of a path at the left hand side. I opened my eyes to the fullest extent and fought back tears of despair, ran towards a light. Just in front of the house a violent barking. My god. I raised my hands and didn’t move at all. The dog remained silent. I guessed that he was tied, since he did not come. I shuffled my feed on the ground to make it bark again and force somebody to have a look. It worked. The one who came was laywer Schwahn himself.

He listened and promised to help. Ms (…=mother of Sebastian) just had to sign the certificate of authority. I strayed back through the dark, ran a lot, drove to the city center, to the vigil, searched in vein for the pastor and drove to Haneu. In the meantime, the Little Kathrin (3) had arrived. I saw her for the last time. I still cannot believe it. Should I ever get to the other side (= West Germany), I have to visit her in Kassel, it is not very far from Frankfurt Main. We drank a good-bye vermouth. I called the mother (of Sebastian) again, via G., and C. got her (ADB: she did not have a phone herself). Meanwhile, a 2nd letter had arrived, with a „Speakers Card“ (Visiting Allowance for the prison), for the 19th Nov. 1989 – for G. Later more, Leipzig is approaching.

***

(1) I will always remember Pastor Hans-Joachim Hanewinckel as one of the most impressive people of the East German Revolution (who ever knows him, please let him know, as well as my respect, my esteem and my thankfulness – I hope I manage to tell him in person one day). He was the heart and soul of the vigil, which was established at 10th Oct. 1989 at St. George Church, after there had been violent attacks of the police and arrests in Halle around the 40th anniversary of the GDR (7th Oct. 1989). Leipzig may be better known as city of the GDR opposition, but also many things happened in its neighbouring city Halle. I recommend the document „Keine Gewalt! Dokument und Interviews. Der revolutionäre Herbst 1989 in Halle an der Saale“ by Udo Grashoff. It has a chronological structure, differentiates between national and local events, and in over 100 pages it also contains original Stasi documents and pictures of this time. It is a wonderful historic document. An interview with Hans-Joachim Hanewinckel on the Revolution and the End of the Wall can be read HERE (in German), it also contains a nice series of pictures of the vigil.
(2) Sebastian has another name in real life. A friend of childhood days who was imprisoned in Halle. I had pretended to be his fiancée in order to get writing and visiting rights. There had been protests in early October in that prison too, of which he wanted to inform me in his smuggeled letter. He was caught red handed (see Part 4 of this series) and suffered ti